"Gute Pflege ist wie ein Kunstwerk"

Trier/Lorscheid/Mainz · Der Vorstoß der Pflegegesellschaft, den Anteil an Fachkräften aufzuweichen, entfacht Gegenwind.

Trier/Lorscheid/Mainz Eine ausgebildete Fachkraft in der Pflege ist nicht zu ersetzen, sagt Markus Mai, der Vorsitzende der rheinland-pfälzischen Pflegekammer. Das fange schon beim Waschen an. "Wer die Pflege von der Pike auf gelernt hat, erkennt beim Patienten sofort, ob er eine andere Haltung einnimmt, sich am Körper etwas verändert hat oder eine wunde Stelle eine andere Farbe hat." Ein Praktikant erkenne das nicht, meint Mai, der beim Trierer Brüderkrankenhaus arbeitet und sagt: "Gute Pflege ist wie ein Kunstwerk."
Über den Vorstoß der rheinland-pfälzischen Pflegegesellschaft empört er sich daher. Dort schlägt der Vorsitzende Dieter Hewener - zugleich Inhaber des Pflegeheims Holunderbusch in Lorscheid (Landkreis Trier/Saarburg) - eine Lockerung der gesetzlichen Vorschriften vor. Seine Kritik: Bislang müsse jeder zweite Mitarbeiter einer Einrichtung eine Fachkraft sein, die eine dreijährige Ausbildung oder ein Studium absolviert habe. Sinnvoller sei ein Mix aus Fachpersonal, Hilfskräften und weiteren qualifizierten Mitarbeitern, der nicht starr auf eine Quote ziele. In manchen Einrichtungen komme es gar vor, dass manche Betten leer bleiben müssten, wenn der Anteil an Fachkräften nicht erfüllt sei.
Hewener setzt auf mehr Vertrauen in die Träger. Er glaubt, sie seien in der Lage, Mitarbeiter je nach Qualifikation einzusetzen. Die Pflegekammer spricht da von "renditeorientierten Interessen". Hewener stört sich daran. Es gehe nicht ums Geld, sondern um eine Entlastung des Personals und eine Antwort auf den Fachkräftemangel, sagt er. Der Vorsitzende der Pflegegesellschaft rechnet vor, dass es seit 2011 zwar 20 Prozent mehr Auszubildende in den Pflegeberufen gebe. Das reiche aber nicht, um die Lücke an Fachkräften zu füllen. Die Gesellschaft geht von 200 000 Menschen mehr aus, die in den Ruhestand gehen, als den Arbeitsmarkt neu zu betreten. Durch das neue Pflegestärkungsgesetz (siehe Extra) rechnet die Gesellschaft zugleich mit bis zu 20 Prozent mehr Pflegebedürftigen. "Da wird es immer schwerer, die Quote zu halten", sagt Hewener.
Die Absenkung der "bundesweit geltenden Quote" lehnt die rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) strikt ab. Sie bezeichnet den Vorschlag als "Hintertür, um Fachkräfte durch Hilfskräfte zu ersetzen". Unter die Fachkräfte fielen außerdem nicht nur die der Pflege, sondern beispielsweise auch Diplom-Sozialarbeiter, die in der Betreuung helfen.
Das sagt auch Mai, der einen Abbau von Fachkräften mit "sinkender Qualität in der Versorgung" gleichsetzt. "So weit darf es nicht kommen." Die Antwort des Pflegekammer-Vorsitzenden liest sich anders: Er fordert eine Agenda 2035 für die Pflege. Diese müsse Voraussetzungen schaffen wie höhere Bezahlung für Pflegekräfte und beantworten, wie sich die Gesellschaft dabei einbringt. Der Trierer warnt: "Ohne schmerzhafte Wege wird das System zusammenbrechen."EIN GESETZ UND SEINE WIRKUNG


Extra

(dpa) Seit Januar ist bundesweit das Pflegestärkungsgesetz II in Kraft. Dieses führt einen neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff ein, der sich nicht mehr in drei Pflegestufen, sondern in fünf Pflegegraden ausdrückt. Bei einem ebenfalls neu eingeführten Feststellungsverfahren zur Bedürftigkeit wird nicht mehr zwischen körperlichen und kognitiven Einschränkungen unterschieden. Gradmesser ist die Selbstständigkeit einer Person. Wer bereits im vergangenen Jahr in einer Pflegestufe war, bekommt automatisch einen Pflegegrad zugeordnet. Die Reform bringt auch eine Änderung der Leistungsbeiträge der Pflegekassen für die ambulante wie für die stationäre Versorgung mit sich.