Guttenberg übt sich in tiefer Demut

Guttenberg übt sich in tiefer Demut

Fehler, ja. Fremde Hilfe, nein. Eine Woche nach dem Beginn der Affäre um seinen - inzwischen von der Uni Bayreuth aberkannten - Doktortitel gesteht Verteidigungsminister zu Guttenberg im Bundestag Mängel in der Doktorarbeit ein. Die Opposition nennt ihn einen Lügner und fordert den Rücktritt.

Berlin. Die kleine Cafeteria neben dem Plenarsaal ist nach der Fragestunde am Mittwochnachmittag für kurze Zeit so etwas wie der Mikrokosmos der Guttenberg-Affäre. Der Verteidigungsminister in eigener Sache sitzt mit CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt, seinem Staatssekretär Christian Schmidt (CSU) und Kanzleramtsminister Ronald Pofalla (CDU) bei einem Pott Kaffee zusammen und entspannt sich. Ab und zu wird gelacht in der kleinen Runde. Das Schlimmste ist überstanden.

Die linke Hand in der Hosentasche, hat der falsche Doktor 45 Minuten lang im Plenum alle Fragen der Opposition beantwortet, immer gleich ruhig und höflich. "Sehr geehrte Frau Abgeordnete, ja, ich habe Fehler gemacht und mich dafür entschuldigt."

In der Warteschlange für die Bockwurst bekommt CDU-Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier eine SMS: "Punktsieg. Dank der Dusseligkeit der Opposition." Tatsächlich zielten die Fragen im Saal immer wieder auf moralische Bewertungen, und da konnte Guttenberg leicht ausweichen. Ob er noch ein Vorbild sein könne, und ob er nicht seine Glaubwürdigkeit verloren habe, das wurde dem CSU-Jungstar immer wieder vorgehalten.

Guttenberg aber drehte die Vorwürfe einfach um. "Ich bin ein Mensch mit Fehlern und Schwächen", sagte er Mal um Mal. "Ich habe mich aufrecht entschuldigt." Das müsse man doch auch mal anerkennen. Ja, so ein Eingeständnis eigener Schwächen könne der politischen Landschaft insgesamt auch nicht schaden und sei ein Signal. Kein Wort davon, dass er die Vorwürfe anfangs noch als "abstrus" zurückgewiesen und erst zugegeben hatte, als immer mehr Fundstellen in seiner Doktorarbeit aufgetaucht waren.

Nur zwei Fragen betrafen die Sache, brachten aber wenig Neues. Einer wollte wissen, wie viele Ausarbeitungen des Wissenschaftlichen Parlamentsdienstes er benutzt habe. Es waren vier, plus einige Übersetzungen. Und einer fragte, ob er einen Ghostwriter für seine Doktorarbeit beschäftigt habe. Klare Antwort Guttenbergs: "Ich habe das allein geschrieben." Sollte allerdings das nicht stimmen, so die Meinung selbst in der Koalitionsspitze, wird es für den Minister "sehr schwer".

Jürgen Trittin sitzt in der Cafeteria keine drei Meter entfernt von Guttenberg und arbeitet an seiner Rede für die Aktuelle Stunde, die sich der Fragestunde anschließt. Darin will er den Rücktritt des Ministers fordern. Noch in seiner Geste angeblicher Demut habe der Mann Arroganz demonstriert, meint der Grünen-Fraktionschef empört. "Dreist" sei das, vor allem weil Guttenberg bei über 250 Fundstellen weiter daran festhalte, dass alles kein Vorsatz gewesen sei. Auch SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann greift diesen Punkt auf: Es sei so, als ob ein Ladendieb sage, er habe aus Schlamperei nicht bezahlt.

In Sichtweite trinkt FDP-Generalsekretär Christoph Lindner einen Espresso und grüßt den Minister nur knapp. Lindner ist der prominenteste Vertreter seiner Partei im Plenum, alle Minister fehlen. Eine Demonstration der Unsolidarität. Als Redner bietet die FDP den unbekannten Abgeordneten Stephan Thomae auf, der lediglich die Hoffnung ausdrückt, dass Guttenberg schon alles aufklären werde. Abends vorher aber, bei einem Presseempfang der Liberalen in der Hauptstadt, war Klartext geredet worden über den Verteidigungsminister. Und wer dort nicht direkt Böses über Guttenberg sagte, fand doch, bis in die Spitze hinein, mindestens das Krisenmanagement verheerend.

Am Eingang der Cafeteria telefoniert Norbert Geis. "Es gibt Leute, die wollen den fertig machen", hört man den CSU-Abgeordneten ins Handy sprechen. "Weil der so beliebt ist im Volk." Das ist auch die Tonlage der CSU in der aktuellen Stunde. "Hier wird versucht, den politischen Gegner zu vernichten", ruft Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich aus, er schreit es geradezu ins Mikrofon. Linken-Vertreter Dietmar Bartsch will von "vernichten" nicht reden, er weiß eine andere Methode. Bartsch sagt, nicht ganz ernst gemeint: "Früher wusste der Adel noch, was er in so einer Situation zu tun hatte." Die Selbstentleibung ist offenbar gemeint.

Aber davon ist Karl-Theodor zu Guttenberg nach dieser Debatte weiter entfernt denn je. Er will durchhalten, sagt er, er habe eine verantwortungsvolle Aufgabe zu erledigen. Geich heute will er es zeigen, wenn er im Bundestag die Bundeswehrreform begründet.

Es ist der Versuch, schnell zum Alltag zurückzukehren.

extra Bayreuths Uni-Präsident Rüdiger Bormann begründet die Aberkennung des Doktortitels von Karl-Theodor zu Guttenberg so: Er habe wissenschaftliche Standards objektiv nicht eingehalten und gegen diese "in erheblichem Umfang" verstoßen. Die wörtliche und sinngemäße Übernahme von Textstellen ohne hinreichende Kennzeichnung sei unzulässig. Die Frage eines möglichen Täuschungsvorsatzes habe man dahinstehen lassen können. "Wir brauchen nicht zu prüfen, ob die ganze Arbeit ein Plagiat ist." Einer ARD-Umfrage zufolge sind 72 Prozent der Bundesbürger der Ansicht, dass die Aberkennung des Doktorgrads ausreiche. 24 Prozent finden, er müsste zurücktreten.