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Handy-Klingeln mitten im Busch: Ruanda hat es mit dem Aufbruch eilig

Handy-Klingeln mitten im Busch: Ruanda hat es mit dem Aufbruch eilig

Seit 1982 besteht die Partnerschaft zwischen Ruanda und Rheinland-Pfalz. Anlässlich des Jubiläums hat Innenminister Roger Lewentz (SPD) das Land mit einer Jugenddelegation besucht. Der Trierische Volksfreund war dabei und nimmt den Leser mit auf die Reise.

Kigali. Für einen kurzen Moment wird es vollkommen still. Die Gesänge verstummen, als Dominique Uwimana ans Feuer tritt. Keine Bierflaschen klirren, keine Jackenärmel rascheln mehr. Nur das Holz knistert leise. Ein Flackern auf Dominiques Gesicht, sonst Dunkelheit. Die Nacht hat sich den Akagera-Nationalpark im Osten Ruandas zurückerobert, die Bäume, Sträucher und das Wasser des Ihema-Sees mit ihrem schwarzen Mantel zugedeckt. Im Schein der Flammen erzählt der 33-Jährige eine Geschichte. Eine Geschichte aus dem Land seiner Gäste. 7000 Kilometer und zwei Jahre trennen ihn von den Ereignissen. Doch Dominique erinnert sich noch genau.
Als er 2010 durch ein Stipendium der Heinz-Kühn-Stiftung nach Bonn kommt, ist vieles neu für ihn - auch die Verkehrsregeln. Fahrradwege kennt er nicht. Die freundlichen Aufforderungen der Radler, zur Seite zu gehen, versteht er falsch. In Dominiques Ohren klingt das deutsche "bitte" wie "Bite?", in seiner Landessprache Kinyarwanda die Frage, wie es einem geht. "Woraufhin ich stets ‚Ni byiza - danke, gut\' geantwortet habe und weitergegangen bin", lacht Dominique heute.
Ein Feld voller Schokolade



Seine Zuhörer im Nationalpark lachen mit ihm. Sie sind Teil einer Jugenddelegation aus Rheinland-Pfalz. Unter Leitung von Innenminister Roger Lewentz (SPD) besuchen Vertreter aus Politik, Jugendorganisationen und Schulen das afrikanische Partnerland. Eine Gruppe macht auch im Akagera Halt. Das Geschichtenerzählen sei seltener geworden, sagt Dominique. "Aber wenn wir mit Gästen feiern, erzählen wir uns auch heute noch bis zum Morgen Anekdoten; erzählen, was uns antreibt, was uns bewegt." Dominique Uwimana ist Projektleiter beim Verein Espérance, der in Ruandas Hauptstadt Kigali mit Hilfe ausländischer Sponsoren die Talente von Kindern und Jugendlichen fördert. Was ihn bewegt, erzählt Dominique erst sehr spät, abseits des Feuers, als die Sonne am kommenden Tag bereits wieder im See versinkt. Bevor der Nächste mit einer Geschichte an der Reihe ist, erfüllt ein Ruf die Stille. "Hari akarima", gibt Julian Jardelot vom Freundeskreis Speyer-Ruanda vor. "Hari akrima ka schocola", stimmen Rheinland-Pfälzer und Ruander mit ein. Zum Kinderlied über ein Feld voller Schokolade tanzt der 25-Jährige gemeinsam mit Dominique und den anderen ums Feuer.
Seit 2010 arbeitet Julian als Landschaftsgärtner in einer Behindertenwerkstatt in Schifferstadt. Als Vertreter einer Jugenddelegation interessiert ihn besonders die Zukunft der ruandischen Jugend. 42 Prozent der Ruander sind jünger als 15 Jahre, 67 Prozent nicht älter als Julian. Eine gute Ausbildung und ausreichend Arbeitsplätze sind die größten Herausforderungen der kommenden Jahre.
Ein mögliches Berufsfeld: die Informations- und Kommunikationsbranche. Bereits jetzt sind in ganz Ruanda Glasfaserkabel verlegt. Bei Facebook waren viele Ruander lange vor ihren deutschen Freunden. Zwischen den einfachen Hütten der Städte und den Bananenstauden auf den Hügeln des Umlands ragen rot-weiß gestrichene Funktürme in die Höhe. Denn telefoniert wird in Ruanda viel, überall und in jeder Situation. Selbst im Nationalpark stehen die Handys nicht still. Dort gibt es zwar keinen Strom, aber ausreichend Netz.
Dominique besitzt nur ein Handy. "Damit bin ich wohl die Ausnahme", schmunzelt er. Die meisten Ruander haben zwei oder drei oder zumindest mehrere Sim-Karten. Seit ein indisches Mobilfunkunternehmen auf den Markt drängt, sinken die Tarife. Um ihre Rufnummer nicht wechseln zu müssen, haben viele ihr altes Handy behalten. Darauf lassen sie sich seither aber nur noch anrufen. Zum Telefonieren benutzen sie ein neues mit günstigerem Tarif.
Ein Meer aus Röcken und Hosen


100 Kilometer westlich des Nationalparks kann Zula nur von einem Handy träumen. Die Augen der Zehnjährigen weiten sich, als Julian mit einem breiten Grinsen an ihr Bett tritt. "Attention!", sagt er auf Französisch und zieht drei Tennisbälle aus den Taschen seiner Jeans. Nun recken auch die anderen Patienten des Krankenhauses HVP Gatagara im Distrikt Nyanza die Hälse, kichern, als er beim Jonglieren eine Filzkugel fallen lässt. Julian reicht Zula einen Ball und fordert sie auf, ihn ihr zuzuwerfen, während er nur noch zwei in der Luft hält. Das Mädchen richtet sich auf, legt ihre Puppe mit dem gelben Kleidchen beiseite. Sie zögert, lacht und wirft den Tennisball in einem hohen Bogen zu Julian.
Zulas Puppe hat nur einen Arm. Vielleicht hat sich die Zehnjährige das Spielzeug deshalb ausgesucht. Zula hat nur noch ein Bein. Weil ihr Knochen sich entzündete, musste ihr der linke Unterschenkel abgenommen werden. Was sie später einmal werden will, weiß Zula noch nicht, "aber ich hoffe, dass ich bald wieder zur Schule gehen kann." Damit das auch ohne Krücken klappt, bekommt sie eine Prothese. Die wird nur wenige Meter von Zulas Bett entfernt gefertigt, ganz auf das Mädchen zugeschnitten.
Seit 1962 kümmern sich die Angestellten in Gatagara insbesondere um behinderte Kinder und Erwachsene - auch mit Hilfe aus Rheinland-Pfalz. Der Freundeskreis Ruhango-Kigoma aus Landau unterstützt das Zentrum, hat einen Teil der medizinischen Ausstattung finanziert. Auf dem Gelände wechseln sich rotbraune Backsteinbauten mit ockerfarbenen ab. Nicht überall liegen Patienten. Hinter manchen Mauern wird gearbeitet, hinter anderen gepaukt. An das Krankenhaus sind eine Werkstatt und ein Internat angeschlossen. Die Klassen sind gemischt. In jeder unterrichten zwei Lehrer, einer davon kümmert sich um die behinderten Kinder.
Während die Schüler drinnen an kleinen Lerncomputern sitzen, löst sich draußen an den Fassaden der Putz. Einige Fensterscheiben sind eingeschlagen. Das große Spielfeld in der Mitte der Gebäude ist von tiefen Rissen durchzogen. In den Löchern sammelt sich das Wasser. Zula steht am Rand des Spielfelds und sieht Julian zu. Die Kapuze ihres Pullovers hat sie tief ins Gesicht gezogen, beide Hände auf Krücken gestützt. Julian Jardelot wirft eine Frisbeescheibe in ein Meer aus grünen Röcken und gelben Blusen, grünen Hosen und gelben Hemden. Zwei Hände greifen zu und schleudern die Scheibe zurück. Die Schüler des Internats sind in ihren Uniformen auf das Spielfeld gekommen, um die deutschen Gäste zu begrüßen.
"Ich freue mich, hier zu sein und komme bestimmt wieder zurück", sagt Julian. Geht es nach ihm, bringt er dann einige seiner Kollegen aus Schifferstadt mit, um in Gatagara mit anzupacken, Prothesen zu bauen oder Gebäude zu renovieren. "Von der Inklusion in Gatagara können sich viele Behindertenwerkstätten in Deutschland etwas abschauen", meint er.
Als die offizielle Begrüßung zu Ende ist, brechen alle Dämme. Während Julian im grüngelben Schülerstrom versinkt, ragt ein anderer daraus hervor. Bedächtig kämpft sich Michael Kettel voran, schüttelt Hände, sucht das Gespräch. Anstatt mit den anderen Delegationsteilnehmern vorne zu sitzen, hat er sich die Begrüßung in aller Ruhe von hinten angesehen. So viel Zeit hat er auf dieser Reise selten.
Kigali, 17.20 Uhr. Michael Kettels Handy klingelt. "Ja? Davon weiß ich nichts. Ich dachte, um 19 Uhr." Er legt auf. Der Empfang des ruandischen Ministeriums für lokale Angelegenheiten ist um eine Stunde vorverlegt worden. Michael soll dort eine Rede halten. Der 24-Jährige ist Sprecher von ejo-connect, dem jungen Team der Partnerschaft zwischen Ruanda und Rheinland-Pfalz. In Kinyarwanda bedeutet "ejo" sowohl "gestern" als auch "morgen".
Michael steht auf dem Markt im Stadtteil Nyamirambo, sein Handy in der einen, eine braune Papiertüte voller Karotten in der anderen Hand. Von links wummert Musik, von rechts schnattern die Marktfrauen. Über allem liegt das dumpfe Rauschen der nahe gelegenen Straße. Zwei Minuten später sitzt Michael auf einem Motorradtaxi, die Karotten zwischen sich und den Fahrer geklemmt. Die Maschine heult auf, jagt an Autos und Kleinbussen vorbei. Michael hat sich nach vorne gebeugt, schreit gegen das Rattern an, erklärt dem Fahrer den Weg. Seit er das letzte Mal in Kigali war, hat sich die Stadt verändert. Er rast an unzähligen Baustellen vorbei. Viele Gebäude sind neu, andere abgerissen.
Auch der Markt in Nyamirambo ist nicht mehr derselbe. Die Stände sind anders angeordnet. Bevor Michael sein Studium der Politikwissenschaften und des Öffentlichen Rechts an der Universität Trier begonnen hat, war er ein Jahr in Ruanda, hat in Kigali im Koordinationsbüro der Partnerschaft gearbeitet. Damals kam er jede Woche auf den Markt, kaufte stets bei derselben Marktfrau ein: Thérèse.
Es dauert eine Weile, bis er sie unter dem tief hängenden Dach über den Ständen gefunden hat. "Michel", ruft Thérèse und drückt Michael an sich. Die umstehenden Frauen blicken interessiert hinter ihren Bergen voll Zwiebeln, Tomaten und Karotten auf. Einige erkennen Michael wieder, begrüßen, umarmen ihn. Das Wiedersehen ist kurz, wird vom Anruf unterbrochen. Thérèse lässt es sich nicht nehmen, Michael die Karotten bis zum Eingang des Markts hinterher zu tragen. Die Motorradtaxi-Fahrer fragen sie verwundert, wer Michael sei. "Inshuti (ein Freund)", sagt Thérèse.
Ein Wunsch für die Zukunft


Von Freundschaft erzählt auch Dominique Uwimana abseits des Feuers im Akagera-Nationalpark. Und von seiner Arbeit. Bevor Dominique bei Espérance begann, schrieb er für eine ruandische Lokalzeitung. In Bonn machte er ein Praktikum bei der Deutschen Welle und lernte Unterschiede kennen. "Deutsche Journalisten können über jedes Thema berichten, das sie interessiert", sagt Dominique. Zwar herrsche in Ruanda offiziell Pressefreiheit, "aber in der Praxis ist es nicht so einfach." Wenn er über Projekte der Regierung berichtete, wollte man ihm stets diktieren, was er schreiben sollte. Zwar habe ihn nie jemand bedroht, "aber irgendwann habe ich den Antrieb verloren".
Der Regierung steht er heute unentschieden gegenüber. Dominique begrüßt die Bemühungen um wirtschaftlichen Fortschritt und Wohlstand, vieles geht ihm aber zu schnell. "Durch den internationalen Druck vergisst die Regierung zu oft die Bedürfnisse der Bürger", sagt er.
Für die Zukunft wünscht sich Dominique vor allem Frieden: "Ich bin überzeugt, dass dazu auch die Partnerschaft zwischen Ruanda und Rheinland-Pfalz beitragen kann."
Falk Straub