Harte Worte, kein Ergebnis

Die Warschauer Ministerpräsidentin Beata Szydlo verteidigt vor dem Straßburger Europaparlament die umstrittenen Maßnahmen ihrer Regierung. Die Debatte bringt keine inhaltliche Annäherung.

Straßburg. Manfred Weber sagt lieber nichts. So weit ist es gekommen mit der Europäischen Union, dass der christdemokratische Fraktionschef meint, mit seinem Schweigen während der Europaparlamentsdebatte zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Polen sei der Völkerverständigung am meisten gedient.
Er wolle, hat Weber vor der Aussprache mit Warschaus Regierungschefin Beata Szydlo angekündigt, "nicht in die Falle gehen" und Rechtspopulisten "Propaganda liefern". Mit dem Verzicht auf ein Rederecht will er zeigen, dass "wir die besorgniserregende Entwicklung in Polen nicht nur diskutieren, weil ich Deutscher bin".
Der EU-Kommissionsvize Frans Timmermans wiederholt in der Diskussion, dass seine Behörde weiterhin "die Gefahr einer systematischen Bedrohung der Rechtstaatlichkeit" sieht. Vergangene Woche hat sie ein Überprüfungsverfahren eingeleitet wegen des Umgangs mit der freien Presse und dem Verfassungsgericht.
Gesetze können jetzt nur noch mit Zweidrittelmehrheit gekippt werden, was durch die Vereidigung fünf regierungsnaher Richter nach Ansicht der polnischen Opposition unwahrscheinlicher wird. "Aus den Medien sind Staatsmedien geworden, und das oberste Gericht ist in seiner Arbeit eingeschränkt", fasst Mateusz Kijowski in Straßburg die Lage zusammen.
"Viele Wähler sind entsetzt"


Der 48-Jährige ist Mitbegründer des Komitees zur Verteidigung der Demokratie, das ihm zufolge schon 220 000 Unterstützer hat und am Wochenende in 34 Städten wieder Demonstranten auf die Straße bringen will. "Auch viele Wähler der neuen Regierung sind entsetzt, dass sie das Land nicht, wie versprochen, mit demokratischen Mitteln verändern will." Der liberale Fraktionschef Guy Verhofstadt fordert Szydlo auf, die entsprechenden Gesetze zurückzunehmen.
Die tut nichts dergleichen, sondern verteidigt die jüngsten Maßnahmen als Ausdruck des "guten Wandels", den die Polen gewählt hätten. Die Reformen seien "unter Wahrung der europäischen Standards" zustande gekommen, im Falle des Verfassungsgerichts lediglich eine unausgewogene Besetzung durch die Vorgängerregierung korrigiert worden: "Wir haben nie angestrebt, den Gerichtshof zu dominieren." Verhofstadt erwidert, es sei "okay, Fehler zu korrigieren - aber nicht, das Verfassungsgericht mit einer Fülle neuer Vorschriften, die für sich allein genommen in Ordnung sind, zu paralysieren".
Spürbar ist in der Debatte dennoch der Wunsch, den Streit nicht noch weiter eskalieren zu lassen - das zeigt sich schon am warmen Applaus, den Szydlo erhält, und an der gemäßigten Wortwahl. "Wir wollen den Bericht der EU-Kommission abwarten und keine voreiligen Schlüsse ziehen", sagt etwa der sozialdemokratische Fraktionschef Gianni Pittella aus Italien. Die erste Sitzung der EU-Familientherapie mit Polen hat noch nicht zu Ergebnissen geführt. Zumindest aber reden die Europäer mit- statt übereinander.