Herr Müller, Herr Wang und der ahnungslose Staatssekretär

Mainz/Idar-Oberstein · Dem Land war wohl bis zuletzt unklar, welche Rolle ein Idar-Obersteiner Bernstein-Händler beim Hahn-Verkauf spielt. Doch selbst, als dieser dann den Kaufvertrag unterschrieben hat, ist niemand stutzig geworden.

 Gruppenbild vor der Silhouette von Shanghai: SYT-Mitgesellschafter Kyle Wang (Zweiter von links), Bernstein-Händler Hans-Werner Müller, Steffen Wagner von KPMG und SYT-Vertreter Yu Tao Chu. Um wen es sich bei den beiden Männern am rechten und linken Bildrand handelt, ist nicht bekannt. Foto: Facebook-Seite von Kyle Wang

Gruppenbild vor der Silhouette von Shanghai: SYT-Mitgesellschafter Kyle Wang (Zweiter von links), Bernstein-Händler Hans-Werner Müller, Steffen Wagner von KPMG und SYT-Vertreter Yu Tao Chu. Um wen es sich bei den beiden Männern am rechten und linken Bildrand handelt, ist nicht bekannt. Foto: Facebook-Seite von Kyle Wang

Foto: (g_pol3 )

Mainz/Idar-Oberstein. "Walking in Idarobstein, the beautiful small town in Germany, signing contract in Frankfurt Hanh airport with team member, getting many government people to support my project including the Germany deputy minister.” So lautet der Original-Eintrag von Kyle Wang am 3. Juni auf seiner Facebook-Seite. Übersetzt heißt das etwa: "Spaziere durch Idar-Oberstein, die wundervolle kleine Stadt in Deutschland, unterzeichne mit Mitarbeitern Vertrag in Flughafen Frankfurt-Hahn, habe viele Regierungsleute, die mein Projekt unterstützen, einschließlich der Vize-Minister von Deutschland."
Kyle Wang ist Mitgesellschafter der chinesischen Shanghai Yiqian Trading Company (SYT), die bekanntlich den Flughafen Hahn kaufen wollte und nun wegen angeblicher Fälschung vom rheinland-pfälzischen Innenministerium angezeigt worden ist. Interessant an Wangs Facebook-Eintrag ist auch, dass er den Hahn-Verkauf drei Tage, bevor Innenminister Roger Lewentz (SPD) diesen auf dem Flughafen bekanntgegeben hat, öffentlich gemacht hat. Stutzig macht auch, dass der Millionen-Deal ausgerechnet in Idar-Oberstein, genauer gesagt im Stadtteil Göttschied und nicht etwa in Mainz oder Frankfurt, wo die deutsche Anwaltskanzlei von SYT sitzt, unterschrieben worden ist. Eingefädelt hat dies wohl Hans-Werner Müller, Bernstein-Händler aus Idar-Oberstein. Vermutlich in dessen Haus im Ortsteil Tiefenstein haben zwei Tage vor Vertragsunterzeichnung wohl die letzten Absprachen stattgefunden.
Ein von Wang auf seiner Facebook-Seite eingestelltes Foto zeigt ihn mit Müller und dem Frankfurter Rechtsanwalt Gunther A. Weiss. Ein anderes Foto zeigt Wang vor einer Wand mit Edelsteinketten. Müller betreibt einen Bernstein-Handel, der unter dem Namen Facett-Art firmiert. Klar ist, der Natursteinhändler hat den Vertrag zusammen mit Wang unterschrieben. Und zwar, das bestätigt ein Sprecher des rheinland-pfälzischen Innenministeriums, als Bevollmächtigter von SYT. Müller habe bei der notariellen Beurkundung an dem besagten Freitag im Juni in Idar-Oberstein auch als Übersetzer fungiert. Obwohl, wie vorgeschrieben, auch ein vereidigter Dolmetscher anwesend gewesen sei.
Doch offenbar war dem Ministerium und vor allem Innenstaatssekretär Randolf Stich (SPD) bis zu diesem Tag nicht klar, welche Rolle Müller bei dem Hahn-Verkauf überhaupt spielt. Stich, den Wang vermutlich mit Vize-Minister von Deutschland meint, hat für das Land den Vertrag unterschrieben. "Herr Müller" sei dem Land im Februar oder März "im Zuge der konkreten Vertragsverhandlungen als Kontaktmann" vorgestellt worden, sagt der Ministeriumssprecher. In diesem Zusammenhang habe es auch das erste Treffen gegeben. "Staatssekretär Stich hat nie wahrgenommen, dass Herr Müller da eine entscheidende Rolle hatte."
Daumen nach oben


Müller sei bei einigen Verhandlungen neben den Anwälten zugegen gewesen, heißt es aus dem Ministerium. Unter anderem ist damit wohl auch ein Treffen im April in Shanghai gemeint, von dem Wang auf seiner Facebook-Seite Fotos zeigt, auf denen auch Müller zu sehen ist. Und auch Steffen Wagner von der Frankfurter Beratungsgesellschaft KPMG, die ja bekanntlich alle Bieter für den Hahn im Auftrag des Landes überprüft hat. Auf einem Foto steht Wagner neben Wang, der mit dem rechten Daumen nach oben zeigt.
"Müllers Aufgabe war, die Regularien in der Beurkundung zu erfüllen", sagt der Sprecher des Innenministers. Dass dieser dann den Vertrag unterschrieben hat, scheint jedoch weder Stich noch sonst irgendjemanden im Ministerium stutzig gemacht zu haben. Auch nicht, warum Wang, der zehn Prozent an SYT haben soll, unterschrieben hat und nicht etwa der angebliche Mehrheitsgesellschafter. Oder der bei der Vorstellung des Käufers als rechtlicher Vertreter von SYT präsentierte Yu Tao Chou. Müller soll ein Freund und Vertrauter von Chou sein. Dieser soll öfter von ihm Bernstein gekauft haben.
Gut möglich, dass nach der Anzeige des Landes wegen eines angeblich gefälschten Bankbeleges durch SYT auch gegen Müller, Wang und Chou ermittelt wird. Die Anzeige richte sich gegen die Verantwortlichen des Käufers, teilte Generalstaatsanwalt Jürgen Brauer am Montag mit. Auf Anfrage unserer Zeitung sagte er, dass in der Anzeige keine Personen namentlich genannt werden. "Das werden erst die Ermittlungen ergeben müssen, wer sich nach dem geschilderten Sachverhalt strafbar gemacht haben könnte."
Auffallend ist, dass auf der Facebook-Seite von Wang, der dort angibt, für Naps India zu arbeiten, was möglicherweise ein indischer Schuhhersteller sein kann, seit dem 7. Juni nichts Neues mehr eingestellt worden ist. Der letzte Eintrag zeigt Bilder von der Pressekonferenz auf dem Hahn, wo Lewentz den Verkauf bekanntgegeben hat. "Thanks God and everyone who helps me in my life”, lautet der Schluss des Eintrags: "Danke Gott und jedem, der mir in meinem Leben hilft.”

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