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Hintergrund: Von den alten Dämonen der Rassentrennung

Hintergrund: Von den alten Dämonen der Rassentrennung

Der Fall Ferguson ist komplizierter, als es die Schwarzweißmuster suggerieren, die mancher so schnell gestrickt hat. Dass der Polizist Darren Wilson in Notwehr handelte, als er die ersten Kugeln auf den schwarzen Teenager Michael Brown abfeuerte, darf man ihm glauben.

Er selber hat es überzeugend geschildert, wenn auch in der Sprache so drastisch und blumig, als sei man in Hollywood. Eine Grand Jury hat zu seinen Gunsten entschieden, wenn auch hinter verschlossenen Türen. Der Verzicht auf ein öffentliches Verfahren ist ein fataler Fehler, allein schon, weil es dem oft zitierten Anspruch der USA widerspricht, das Heimatland schrankenloser Transparenz zu sein. Das Procedere, nicht so sehr der Jury-Spruch als solcher, scheint ihn zu bestätigen, den Standardverdacht schwarzer Amerikaner, dass sie von der Justiz noch immer als Bürger zweiter Klasse behandelt werden.

Und darum geht es im Kern, das lässt die Protestwelle weit über Ferguson hinaus rollen. Es geht um die alten Dämonen, um alles, was nachwirkt aus Zeiten der Sklaverei und der Rassentrennung des Südens. Mag mit Barack Obama auch ein Präsident mit dunkler Haut im Weißen Haus residieren, an der weit verbreiteten Skepsis gegenüber Richtern und Staatsanwälten hat sich nichts geändert. Für afroamerikanische Männer, besonders wenn sie jung sind, stehen sie für eine fast schon feindliche Macht, nicht für Recht und Ordnung.

Die Gründe sind vielschichtig, und sie haben nicht nur mit der Vergangenheit zu tun, sondern sehr wohl auch mit der Gegenwart. Drei Prozent aller männlichen Schwarzen sitzen hinter Gittern, verglichen mit 0,5 Prozent aller männlichen Weißen. Bei den Unter-Dreißigjährigen ist der Anteil noch deutlich höher. Jedes fünfzehnte schwarze Kind hat einen Vater, der gerade einen Haftstrafe verbüßt; in weißen Familien ist es nur jedes 111. Im statistischen Mittel laufen Männer mit dunkler Hautfarbe dreimal häufiger Gefahr, wegen eines Drogenvergehens im Gefängnis zu landen, als dies bei hellhäutigen Geschlechtsgenossen - bei vergleichbaren Delikten - der Fall ist. Wer Crack konsumiert, was Afroamerikaner am ehesten tun, wird dafür ungleich härter bestraft als jemand, der Kokainpulver schnupft, das Rauschgift der Weißen.

Hinzu kommen die täglichen Demütigungen des Alltags, Leibesvisitationen, Ausweiskontrollen, die sich nach den Regeln des "racial profiling" zu richten scheinen: Wer jung und schwarz ist, gilt oft automatisch als verdächtig. In New York wurde Bill de Blasio, verheiratet mit einer Schwarzen, Vater eines Jungen mit Afrofrisur, nur deshalb zum Bürgermeister gewählt, weil er versprach, mit der umstrittenen Praxis zu brechen. Und als eine Jury in Florida den Hobby-Sheriff George Zimmerman freisprach, nachdem er den schwarzen Teenager Trayvon Martin erschossen hatte, beschrieb Charles Blow, der sonst so nachdenkliche Kolumnist der "New York Times", in bitteren Worten seine Gefühle. Bis dahin habe er schwarzen Jugendlichen immer geraten, in unübersichtlicher Lage bloß nicht zu rennen, um nicht ins Visier zu geraten. Martin aber schlenderte lässig dahin, als der Wachmann ihn zu verfolgen begann. "Soll ich jetzt sagen, lauft bloß nicht zu langsam, denn dadurch macht ihr euch verdächtig?", fragte Blow.

Das alles kommt zusammen, wenn das schwarze Amerika über sein Verhältnis zur Justiz spricht. Der Fall Ferguson, er schien genau ins Muster zu passen. Bei den Details hat man dann nicht mehr so genau hingeschaut.