Hm! Ha! Ho!

Drinnen: drangvolle Enge, tropische Schwüle, unablässiges Gewusel, Gewese, Geschiebe - und ein Fest der Farben. Van Gogh, Cezanne, Gauguin, Picasso, Kandinsky, Matisse und all die anderen. Berauschend, zum Weinen schön.

Draußen: die Schlange, längstmythisch, die sich an manchen Tagen mehrfach um den Tempel der Kunst windet. Das Mütterchen im Rollstuhl, der abgerissene Punk, erwartungsfrohe Oberstudienräte, lärmende Pennäler, Busladungen voll bildungshungriger Touristen. Alle brav eingereiht, mitunter sieben, acht Stunden geduldig harrend, picknickend mit Rotwein, Baguette und Käse, Mozart-Klängen lauschend, die ein Flötist zum Besten gibt, voranschleichend, plauschend mit den marktschreierischen Brezel-Verkäufern, wieder ein paar Schritte trippelnd - bis es endlich erreicht ist: das Tor zum Paradies. Das MoMA in Berlin. Nichts hat Kunst-Freaks in den vergangenen sieben Monaten so elektrisiert wie die Ausstellung von 200 Meisterwerken des New Yorker Museums of Modern Art in der Neuen Nationalgalerie. Es ist das Kulturereignis des Jahres, vielleicht des Jahrzehnts. Weit mehr als eine Million Menschen kommen - weil alle kommen. Für viele erfüllt sich ein Lebenstraum, für andere ist es das erste Mal ("Komische Kleckserei - was soll das bedeuten?"). Macht nichts. Bei Leuten, die etwas von der Kunst verstehen, bedarf es eh keiner Worte, meint der Maler Edgar Degas. Man sagt "Hm!", "Ha!" oder "Ho!", und damit ist alles ausgedrückt. Und die, die nichts davon verstehen, lassen sich einfach treiben, infiziert von der Atmosphäre, als Teil einer großen Inszenierung. Was haben sie gelästert, die griesgrämigen Problemanhäufer und Bedenkenträger, die Großkritiker, die so gerne Locken auf der Glatze drehen - und sie haben ja Recht: Kommerz schlägt Kunst, die Schau ist Show, musterhaft vermarktet, hält wissenschaftlichen Maßstäben nicht stand - und ist zudem politisch nicht korrekt. Absolut nicht. Was die New Yorker Kunst-Päpste nach Berlin verschickten, ist mitnichten repräsentativ für das 20. Jahrhundert. Meisterwerke des alten Europa bis zum Zweiten Weltkrieg, nach der großen Zäsur fast nur noch Amerikaner. Auffallende Ausnahme: Gerhard Richters "Baader-Meinhof-Zyklus", ausgerechnet! Terrorismus made in Germany als tragende Botschaft der europäischen Kunst der vergangenen fünfzig Jahre!? Die Außenminister Joschka Fischer und Colin Powell - beide Schirmherren - rühmen das Projekt als Geste der Versöhnung zwischen Deutschen und Amerikanern, die sich ob des Irak-Kriegs heftig in die Wolle gekriegt hatten. Und nun: Friede, Freude, Eierkuchen? Die MoMA-Kustoden haben den Auftrag gründlich missverstanden. Sie deklarierten ihre Meisterwerke als Rosinenbomber. Seht her, Berliner, Deutsche, Europäer, wir bringen euch Kultur. Die Auswahl besagt: Wichtig ist, was Amerikaner denken - ein Anspruch auf die Deutungshoheit über die Moderne. In der Kunst. In der Gesellschaft. In der Politik. Derlei ist den meisten Menschen, die sich dem Hype in Berlin hingaben, wohl gleichgültig. Für sie hat sich eine Sehnsucht erfüllt - nach Ästhetik, Beseelung und ein wenig kuscheliger Wärme am bitterkalten Standort Deutschland. Die Schlange macht die Schau zum Gesamtkunstwerk, jeder, der mitmacht, darf sich als Künstler fühlen. Mission erfüllt. Schließlich soll die Kunst ja, sagt der Pop-Art-Maler Claes Oldenburg, etwas anderes tun, als im Museum auf dem Hintern zu sitzen. p.reinhart@volksfreund.de