Höhere Löhne stärken deutsche Stellung in Europa

Höhere Löhne stärken deutsche Stellung in Europa

Deutschland kann nicht ewig am Wirtschaftsmodell Exportpanzer festhalten, so die Forderung des Experten Gert G. Wagner. In einem Gastbeitrag für den Trierischen Volksfreund äußert sich der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) über die Wichtigkeit von höheren Löhnen in der Bundesrepublik.

In der Euro-Krise liegt die große Chance, dass Europa weiter zusammenwächst. Aber im Moment besteht auch die Gefahr, dass unsere Nachbarn sich wieder einmal von den Deutschen überrannt fühlen. Denn die europäischen Gipfelbeschlüsse kommen der deutschen Bundesregierung weit entgegen: Das Abwenden eines griechischen Staatsbankrotts liegt auch im Interesse der deutschen Anleger. Und die Einführung von Schuldenbremsen folgt dem deutschen Vorbild. Nur in Deutschland soll alles beim Alten bleiben.
Aus Sicht des Auslands bedeutet das vor allem, dass es massenhaft deutsche Waren und Dienstleistungen importieren soll. Das wird aber zunehmend kritisiert und kaum durchzuhalten sein. Zumal die deutsche Exportstärke auch auf einer schwachen Lohnentwicklung basiert, die auf Kosten des privaten Konsums und damit des sozialen Friedens in Deutschland geht.
Dass die deutschen Wirtschaftsverbände den Euro und die Euro-Zone vehement verteidigen, ist nicht überraschend: Seit der Einführung der Währung herrschen in der Euro-Zone gewissermaßen feste Wechselkurse. Wenn die Unternehmen eines Landes immer produktiver werden, führt das nicht mehr zu einem höheren Außenwert der Landeswährung.
Und wenn in einem Land der Euro-Zone permanent Lohnzurückhaltung geübt wird und deshalb die Inflation niedrig bleibt, werden die Bedingungen für den Export immer besser. Länder, in denen die Löhne stärker steigen, fallen im Wettbewerb zurück und müssen sich im Außenhandel immer mehr verschulden. In einem exportstarken Land wie Deutschland hingegen, in dem die Lohnzurückhaltung zu höheren Gewinnen führt, wissen die Kapitaleigner irgendwann nicht mehr, wohin mit dem Geld.
Verständlich und ökonomisch gut nachvollziehbar ist, dass das (europäische) Ausland von Deutschland endlich wieder eine Stärkung des Binnenmarkts erwartet. Und in diesem Binnenmarkt gibt es für den Konsum einen Nachholbedarf, da seit etwa zehn Jahren die Nettolöhne trotz Steuersenkung kaum mehr gestiegen sind.
Das Arbeitsvolumen ist seit 2000 nicht gestiegen. Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass der Hinweis, 2012 sollten die Tarifparteien den Verteilungsspielraum ausnutzen und die Löhne gemäß Inflationsrate und Produktivitätszuwachs um etwa drei Prozent steigern, überhaupt als Nachricht zur Kenntnis genommen wird. Eigentlich ist dies nur ein Hinweis, um wie viel die Löhne steigen können, ohne die Gewinne zu schmälern. Aber bereits diese simple Feststellung hat zum Jahresende die Verbände auf den Plan gerufen, die vor angeblichen Arbeitsplatzverlusten warnen. Alles, was passieren würde, wäre lediglich, dass die Gewinne nicht rascher als die Löhne steigen. Warum sollte das Beschäftigung kosten? Insbesondere dann, wenn man - wie in Deutschland üblich - zu differenzierten Lohnabschlüssen kommen wird, die sich an der Leistungsfähigkeit einzelner Branchen orientieren werden.
Die Bundesregierung kann nicht in die Lohnfindung eingreifen. Sie kann aber dafür werben, dass die Lohneinkommen nicht nur aus Gründen der Gerechtigkeit, sondern auch der ökonomischen Vernunft in Deutschland gestärkt werden. Deutschland kann nicht erwarten, dass nun andere Länder den Gürtel enger schnallen, es selbst aber am Wirtschaftsmodell Exportpanzer festhält. Will man glaubhaft der Euro-Zone eine Zukunft geben, braucht es in allen Mitgliedsländern eine auf Europa ausgerichtete partnerschaftliche Gestaltung der Wirtschafts- und Verteilungspolitik. Und dafür sind nicht nur die Regierungen, sondern auch die Tarifparteien verantwortlich.

Gert G. Wagner ist Vorstandsvorsitzender des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin)