Hoffen, bangen, feiern

Die Parteien bereiten sich auf den Wahlabend vor. Berlin erwartet Tausende Anhänger.

Berlin Martin Schulz wird am Sonntag um zehn Uhr im Rathaus seiner Heimatstadt Würselen erwartet, um seine Stimme abzugeben. Angela Merkel wiederum lässt sich mit dem Wählen noch etwas Zeit - die Kanzlerin will erst um 14.30 Uhr in der Mensa-Süd in Berlin-Mitte ihre Kreuzchen machen. Anschließend heißt es für die beiden Kanzlerkandidaten und alle anderen: hoffen und bangen.
Obwohl auch noch der Berlin-Marathon stattfindet - die Hauptstadt befindet sich im Wahlfieber. Das gilt auch für einen der wichtigsten Menschen anlässlich des Wahlgangs zum 19. Deutschen Bundestag: für Bundeswahlleiter Dieter Sarreither. Er hat seine Zelte im Reichstag aufgeschlagen. Im westlichen Teil der Abgeordnetenlobby wird er am Sonntag um 15.30 Uhr vor die Kameras treten und das Zwischenergebnis bei der Wahlbeteiligung bekanntgeben.
Wenn im Laufe des Abends alle Resultate aus den 299 Wahlkreisen eingelaufen sind, dürfte Sarreither in den frühen Morgenstunden das vorläufige amtliche Endergebnis verkünden.
Dann ist bei so mancher Wahlparty schon längst das Licht aus, vor allem bei den Parteien, die unter ihren Erwartungen geblieben sind. An einigen Veranstaltungsorten wurden am Freitag noch Kabel verlegt, Bildschirme und Kameras installiert und große Zelte aufgebaut, damit möglichst viele Anhänger untergebracht werden können. So wie rund um das Konrad-Adenauer-Haus der Union. Rund 3000 Gäste erwartet die Partei der Kanzlerin. Auf der Liste stehen auch Promis wie Ex-Fußballer Arne Friedrich oder Boulevard-Sternchen Sophia Thomalla. Am Nachmittag werden sich das Präsidium und Teile des CDU-Vorstand im fünften Stock um die Kanzlerin versammeln, um die ersten Prognosen und Hochrechnungen zu verfolgen. Ob wie vor vier Jahren auch Merkels Ehemann Joachim Sauer dabei sein wird, ist offen.
Auch die SPD hat das Willy-Brandt-Haus erweitert, weil ansonsten nur rund 1000 Besucher Platz hätten. Die angrenzende Stresemannstraße wurde daher zur Zeltstadt umgebaut, so dass die Genossen nun 2500 Gäste unterbringen können. Es wird Currywurst und "Schupfnudeln als vegetarische Variante" gereicht werden. Die komplette SPD-Spitze wird sich um Martin Schulz scharen, der gegen 16 Uhr erwartet wird. Schulz wird entweder in seinem Büro in der fünften Etage oder im Präsidiumszimmer im sechsten Stock die Hochrechnungen der Sender verfolgen. Dann heißt es, eine "Sprachregelung" für die Bewertung des Ergebnisses zu finden. Und vielleicht schon Vorentscheidungen zu treffen, wie es personell und politisch weitergeht.
Die Grünen machen "eine Party für alle, wer kommt, der kommt", so ein Sprecher. Knapp 1000 Besucher passen in die alte Kindl-Brauerei "Vollgutlager" in Neukölln. Es wird Live-Musik geben und später ein DJ auflegen - wenn der Anhängerschaft dann noch zum Tanzen zumute ist. Die Spitzenkandidaten Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir kommen erst nach 18 Uhr hinzu. Gemeinsam wollen sie in einem nahen Hotel die Prognosen verfolgen.
Auch die Linke feiert nicht in ihrer Parteizentrale: Sie hat den Festsaal Kreuzberg angemietet, wo sonst Hip-Hopper und Rockmusiker auftreten. "Es wird sehr voll", ist man sich sicher. Die Linke grillt, ein kleines Bier kostet drei Euro, ein großes 3,50 Euro. Spitzenkandidat Dietmar Bartsch wird aber um 18 Uhr bereits im ARD-Hauptstadtstudio sein, um an einer ersten Diskussionsrunde teilzunehmen. Sahra Wagenknecht hingegen will den Kampf um Platz drei im Bundestag bei der Wahlfete verfolgen, dem Vernehmen nach mit Ehemann Oskar Lafontaine.
Die AfD feiert im Traffic Club Berlin am Alexanderplatz. Laut Sprecher Lüth liegen bereits 600 Anmeldungen von Journalisten vor; nur 150 können rein. Man bemühe sich, das "so ausgewogen wie möglich" zu entscheiden, bitte aber um Verständnis.
Laut Grundgesetz hat der Bundestag nach der Wahl 30 Tage Zeit, um sich zu konstituieren. Bis dahin, so heißt aus der Verwaltung, werde geklärt sein, wo die AfD im Parlament ihren Platz haben wird. Keiner der anderen möchte nämlich neben den Rechten sitzen. Die ersten Sitzungen der neuen Fraktionen werden übrigens schon in der kommenden Woche stattfinden.

Bleibt noch die FDP: 1500 Gäste wollen mit den Liberalen in ihrer Berliner Parteizentrale jubeln. Bei Würstchen, Buletten und Kartoffelsalat. Gelingt der Wiedereinzug in den Bundestag, droht hier wirklich eine Party bis zum Morgengrauen.