"Ich bin doch versichert"

TRIER. Mindestens 600 Millionen Euro Schaden sind im vergangenen Jahr durch schweren Diebstahl in Deutschland entstanden. Den Verlust ersetzt in den meisten Fällen die Versicherung, doch nicht jeder Verlust lässt sich finanziell ausgleichen.

Die Wohnungstür aufgebrochen, die Zimmer durchwühlt, Geld und Schmuck gestohlen - und die Versicherung zahlt's. Herr Kaiser erfasst den Schaden, ein Handschlag, und wenige Tage später ist das Geld überwiesen, die Tür repariert und alles vergessen. Dafür ist sie ja schließlich da, die Versicherung. Einer besitzt was, ein Anderer versichert es und ein Dritter - der Einbrecher - sorgt dafür, dass alle Beteiligten für ihren finanziellen oder kriminellen Aufwand in irgendeiner Form belohnt werden. Die Hausratsversicherung führt nicht nur dazu, dass der Hausbesitzer ruhig schlafen kann, sondern legitimiert aus Sicht des Diebes den Einbruch. Aus ökonomischer Sicht wäre der Fall damit abgeschlossen, und die Tatsache, dass der Schaden in der Mehrzahl der Fälle finanziell ausgeglichen wird, dürfte Polizei-Ermittler über die geringe Aufklärungsquote in diesem Kriminalitätsbereich hinweg trösten. Was bleibt - oder vielmehr weg ist - sind gestohlene Sachen, die sich durch Geld allein nicht ersetzen lassen und die ernüchternde Erkenntnis, dass nicht nur ins Haus, sondern auch in die Intimsphäre eingebrochen wurde. Selbst wenn der Täter schon am Aufbrechen des Fensters scheitert - allein die Tatsache, dass er es versucht hat, schürt die Angst.Immer mehr Sicherheitsdienste

Eine Angst, von der wiederum andere profitieren. So weist der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GdV) auf seiner Homepage unter der Rubrik "Aufgepasst - Gefahr!" darauf hin, dass "auch die beste Versicherung keine lieb gewonnenen Erinnerungsstücke ersetzen kann" und dass deshalb auf moderne Sicherheitstechnik und den während des Urlaubs blumengießenden Nachbarn nicht verzichtet werden soll. "Überprüfen Sie, ob die Versicherungssumme Ihrer Hausratversicherung dem Wert Ihrer Einrichtung entspricht", heißt es am Schluss - doch wie lässt sich der Wert lieb gewonnener Erinnerungsstücke messen? Gar nicht. Aber sie lassen sich überwachen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hat sich der Umsatz der Wach- und Sicherheitsunternehmen von 1993 bis 2003 von 2,1 auf 4,1 Milliarden Euro verdoppelt, ebenso die Zahl der Unternehmen von 1500 auf 3000. Wo hingegen die registrierten Wohnungseinbrüche laut Bundeskriminalamt im selben Zeitraum um fast die Hälfte von knapp 230 000 auf 120 000 gesunken sind. Inwiefern die Zunahme der Sicherheitsdienste mit der Abnahme der Einbrüche zusammenhängt, lässt sich nicht belegen, doch bei der Sicherung privater Wohnungen und Häuser kommt das private Sicherheitspersonal bisher kaum zum Einsatz. Da setzen Hausbesitzer und Polizei auf "elektronischen" und "mechanischen" Schutz, auf Sperrbügel, Türspione, Alarmanlagen und Sicherheitsfenster.Wie viel Zeit hat der Einbrecher?

Jeder Haustür- und Fenstertyp wird nach europäischer Din-Norm in Widerstandsklassen (WK) von 1 bis 6 eingestuft, wobei die einbruchshemmende Wirkung von WK-1-Türen im Grenzbereich zu Null liegt. Die Norm orientiert sich am so genannten Zeit-Widerstands-Wert, also wie lange ein Einbrecher mit Hilfe bestimmter Werkzeuge zum Öffnen einer Haustür oder eines Fensters braucht. Um beispielsweise die Voraussetzungen für Widerstandsklasse 2 zu erfüllen, muss das Hindernis mindestens drei Minuten der Einwirkung von Schraubenzieher, Wasserpumpenzange oder Keil standhalten. Widersteht ein Fenster 20 Minuten lang dem Einsatz von Axt, Schlagbohrer, Hebeleisen oder Trennschleifer, verdient es die Bezeichnung Widerstandsklasse 6. Überlebt es zudem eine Kalaschnikow-Salve aus zehn Metern Entfernung, ist mit "FB 7" auch der höchste Grad an Durchschuss-Sicherheit erreicht. In der Regel reichen Türen und Fenster der WK 2 aus. Gelegenheitsverbrecher werden davon in der Regel abgehalten, brechen nicht ein, sondern frustriert ab. Der Grad der Sicherheit ist natürlich auch eine Preisfrage. Wer beim Bau seines Hauses einen gewissenen Sicherheitsstandard erfüllen möchte , muss im Schnitt mit fünf Prozent mehr Kosten rechnen. Nicht unbedingt billiger, dafür aber in der Regel weniger wirkungsvoll, ist der Einbau einer Alarmanlage. Auf manche Einbrecher wirkt sie abschreckend, für andere ist sie ein Indiz dafür, dass es was zu holen gibt. Doch die Alarmanlage allein hindert nicht am Einbruch, sondern macht nur darauf aufmerksam, dass gerade eingebrochen wird. Bis die Polizei kommt, sind Täter und Beute in der Regel verschwunden. Und der Schaden? Den zahlt die Versicherung.