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"Ich bin froh, den Schnitt gemacht zu haben"

Was geht in einem Geistlichen vor, der sich verliebt hat und sein Priesteramt deswegen aufgeben muss? Wer hilft ihm, wer lässt ihn womöglich fallen? Diese Fragen hat TV-Redakteur Rolf Seydewitz einem ehemaligen Trierer Bistumspriester gestellt, der vor Jahren wegen der Liebe zu einer Frau ausgestiegen ist. Der Mitte 50-Jährige möchte anonym bleiben.

Was haben Sie gedacht, als Sie vom Rücktritt Ihres Kollegen Markus Eiden gehört haben?Priester: Mir sind viele Gedanken gekommen, und natürlich habe ich mich auch an meine eigene Situation damals zu rückerinnert. Und ich habe mich gefragt, wie es meinem Mitbruder jetzt wohl gehen mag.Es ist nach Bistumsangaben der sechste Rücktritt eines Trie rer Bistumspriesters in zwei Jahren unter Verweis auf den Zölibat. Müssten da nicht langsam die Alarmglocken im Generalvikariat läuten?Priester: Das Problem des Priestermangels gibt es ja schon seit 30 Jahren. Natürlich sind sie im Generalvikariat nicht froh. Aber wie ich höre, lässt man die Priester inzwischen nicht mehr hängen, sondern begleitet sie. Es ist ein Miteinander und nicht mehr ein "Wir wollen dich jetzt noch zusätzlich bestrafen", wie dies früher oft der Fall gewesen ist.Woran liegt es, dass plötzlich so viele Priester offen dazu stehen, dass eine enthaltsame Lebensweise nicht das Richtige für sie ist?Priester: Der Schwund des Religiösen in den Gemeinden ist größer geworden. Zudem ist seit der letzten Strukturreform die Last für die leitenden Priester noch einmal deutlich erhöht worden. Gleichzeitig sind sie vom Bischof dazu verdonnert, an ihrem Arbeitsplatz zu wohnen. Sie haben eigentlich keine Ruhe mehr. Viele Kollegen sind daher ausgebrannt oder kurz davor - und sehen auch keine Perspektive, dass es besser werden könnte.Wie lange haben Sie gebraucht, um sich zu Ihrer Beziehung zu bekennen?Priester: Ich habe mir viel Zeit gelassen. Es war zuvor lange freundschaftlich. Es ist ja auch nicht damit getan, dass man sich dazu bekennt. Es geht ja auch um die berufliche Zukunft. Als Priester haben wir ja einen guten Lebensstandard und werden nicht schlecht bezahlt. Es ist ein kompletter Neuanfang, der überlegt und vorbereitet sein will.Wie war das Gefühl vor der Entscheidung zwischen der katholischen Kirche und einer Frau?Priester: Ich habe mich ja nicht gegen die Kirche entschieden. Ich bin weiterhin Christ, finde vieles gut, anderes nicht. Mein Glaube bleibt. Schade ist, wenn etwa an den hohen kirchlichen Feiertagen in manchen Gemeinden gar keine Messe mehr gefeiert wird oder zunehmend ausländische Priester - oft mit Sprachproblemen - eingesetzt werden. Wenn man dann vorne in der Kirchenbank sitzt, fragt man sich schon, warum man sein Priesteramt, das ja bleibt, nicht mehr ausüben darf. Ist das nicht unmenschlich?Priester: Eher schizophren. Der Zölibat ist ein Relikt aus alter Zeit, das dringend geändert werden müsste. Aber im Moment sehe ich dazu in Rom keine Bereitschaft. Wie hat der Bischof reagiert, als Sie ihm Ihre Beziehung "gebeichtet" haben?Priester: Verständnisvoll. Ich habe schon den Eindruck, dass sich da in den vergangenen Jahrzehnten einiges zum Positiven bewegt hat. Uns hat man schon in der Ausbildung gesagt, dass das Leben ohne Partner ja eigentlich ein unnormales Leben ist. Wie wird ein Priester in einem solchen Fall vom Bistum unterstützt?Priester: Ich höre von Kollegen, dass es inzwischen wie im normalen Leben ist. Man bekommt ein Jahr 60 Prozent des letzten Gehalts, dazu eventuell auch noch Fortbildungen bezahlt. Wer in der Zeit keinen neuen Job findet, soll auch danach noch weiter finanzielle Unterstützung bekommen. Warum macht der Bischof dem Priester eigentlich nicht das Angebot, beispielsweise als Diakon oder Pastoralreferent weiterzumachen?Priester: Die Frage ist berechtigt, ich kann sie Ihnen aber nicht beantworten. Wahrscheinlich liegt es am Kirchenrecht, weil die Priesterweihe ja bleibt. Ich persönlich könnte mir auch nicht vorstellen, als Diakon neben einem anderen Priester zu stehen. Das wollte ich nicht.Wie geht es Ihnen nach Ihrer schon vor Jahren getroffenen Entscheidung? Wären Sie gerne Ehemann und Priester?Priester: Wäre ich gerne. Aber mir geht es auch so gut. Ich bin schon froh, damals einen Schnitt gemacht zu haben und sagen zu können: meine Frau - oder mein Nachwuchs. Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern in der katholischen Kirche?Priester: Der Zölibat wird bis auf Weiteres bleiben, da muss man Realist sein. Im Bistum Trier sehe ich es als Problem an, dass der Bischof zu wenig Ansprechpartner für seine Priester ist. Man verheizt vielfach Priester, statt bei jedem Einzelnen genau hinzuschauen, wo seine Stärken liegen, und ihn dann dementsprechend einzusetzen. Was ich auch noch ändern würde, ist die Residenzpflicht des Pfarrers. Hinzu kommt - vor allem bei jüngeren Mitbrüdern - das Problem der Vereinsamung. seyExtra

Der Zölibat (vom lateinischen caelebs = unverheiratet) als Ehelosigkeit für Priester wird in mehreren Religionen gefordert. Im Christentum hat er seinen Ursprung im 4. Jahrhundert. Das Neue Testament kannte noch keine solche Regelung. In ihm wird nur die Ehelosigkeit "um des Himmelreichs willen" als Wert anerkannt. Im frühen Christentum setzte sich dann die Vorstellung durch, dass Ehe und Dienst am Altar nicht vereinbar seien. Erst durch das Konzil von 1139 wurde das Heiratsverbot für Priester rechtlich eindeutig fixiert. Hoffnungen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) auf eine Änderung des Zölibatgesetzes erfüllten sich nicht. Wer Priester werden will, muss bei der Diakonenweihe, die vor der Weihe zum Priester steht, die Ehelosigkeit geloben. Ausnahmen gibt es, wenn etwa verheiratete evangelische oder anglikanische Geistliche zum katholischen Glauben konvertieren. Sie können dann zu katholischen Priestern geweiht werden, ohne ihre Ehe aufgeben zu müssen. sey Extra

Der Interviewpartner war bis vor einigen Jahren Priester im Bistum Trier und will anonym bleiben. Wegen einer Beziehung gab er sein Amt auf. Der Mitte 50-Jährige lebt außerhalb des Bistums und arbeitet als Erzieher. sey