"Ich bin ich"

BERLIN. Nach der Sommerpause will Bundeskanzlerin Angela Merkel zurück in die Offensive – doch verändern will sie nichts.

Mit drei Worten schlägt Angela Merkel alle Spekulationen in den Wind, die am Morgen in Berlin kursieren. Die Kanzlerin werde mit einem Machtwort die diversen Koalitionsstreitereien beenden, wurde aus ihrem Umfeld kolportiert. Von wegen. "Ich bin ich", sagt Merkel gegen Ende ihrer Pressekonferenz ein wenig amüsiert. Machtworte gehören nicht zum Regierungsstil dieser Kanzlerin. Auch nicht ein bisschen Krawall, für den ihr Vorgänger Gerhard Schröder zwischendurch ganz gerne gesorgt hat. "Ich bin ich" - zwei kleine Rüffel sind da schon das höchste der Gefühle. "Mindestens" 90 Minuten hat sich Angela Merkel Zeit genommen, um zum Ende der Sommerpause wieder in die Offensive zu kommen. Das ist bitter nötig. "Die Bundesregierung ist genau neun Jahre, äh..., neun Monate im Amt", sorgt sie gleich zu Beginn für Lacher. Ein Versprecher. Aber wie passend, der Zustand der großen Koalition ähnelt doch dem einer Zweckehe nach neun Jahren, oder nach zehn oder 15 - Schwarz-Rot wirkt bereits ziemlich verbraucht. Statt Harmonie herrscht vielfältiger Streit. Von der Gesundheitsreform über die Mehrwertsteuererhöhung bis zur Mindestlohndebatte, um nur einige Konfliktthemen zu nennen. Die Umfragewerte sind so schlecht wie zur Endzeit von Rot-Grün, auch die persönlichen von Merkel sind förmlich in den Keller gestürzt. Und zu allem Überfluss tobt innerhalb der CDU, deren Vorsitzende die Kanzlerin ja auch noch ist, eine heftige Debatte über den künftigen Kurs sowie über innerparteiliche Lebenslügen. Erholt sieht Merkel nicht aus, als sie den Saal betritt. Wie auch. Die Sommertheater haben ihr im Urlaub in Tirol und in Bayreuth den Nerv geraubt. Dazu noch die Eskalation im Nahen Osten, der Streit über die deutsche Beteiligung an einer UN-Friedensmission und die neue terroristische Bedrohung in Deutschland. Kann man da überhaupt entspannen? Hätte sie vielleicht besser in Berlin bleiben sollen oder zumindest früher zurückkommen müssen? Schließlich haben sich andere munter positioniert und profiliert, während es den Anschein hatte, vieles laufe an einer schweigenden Merkel in Wanderstiefeln oder im Ballkleid schlichtweg vorbei. "Nee, das habe ich mir nicht gewünscht", antwortet sie verwundert. Im Urlaub sei sie ja ihren Pflichten nachgekommen, betont Merkel selbstbewusst. Und gerade das Bergsteigen habe zu einer "interessanten Durchlüftung der entsprechenden Hirnformationen" geführt, merkt die Kanzlerin schelmisch an. Na so was. Dabei muss die Ostdeutsche zu der Erkenntnis gelangt sein, was sie der misslichen Situation am besten entgegensetzt: Einfach Merkel selber, ein "Ich bin ich". Nichts ändern, nichts verstellen, die Koordinaten werden nicht verschoben. Es wird weiter moderiert. Also erlebt die versammelte Presse eine Kanzlerin, die nicht neue Konflikte schüren und alte befeuern will. Die sich mitunter realistisch den ersten neun Monaten ihrer Amtszeit stellt: Die Agenda 2010 ihres Vorgängers Schröder beginne zu wirken, räumt Merkel ein. Es geht um den Haushalt, um Gesundheit, um Afrika und um Zug-Sheriffs, um Günter Grass und die Waffen-SS. Kein Machtwort, nur kleine Rüffel

Für die Aufregung habe sie Verständnis, sagt die Bundeskanzlerin. Merkel teilt sie sogar. Es geht um Polen und die Vertriebenen. Merkel ist im Bilde, was immer auch gefragt wird. Sie denke nicht an eine Kabinettsumbildung, betont die Kanzlerin. "Großes Einverständnis" habe sie für das deutsche Angebot erhalten, die Marine, aber keine Bodentruppen für die UN-Friedenstruppe zu entsenden. Es geht bunt durcheinander bei den Fragen. Ein Machtwort fällt nicht. Eher kleine Rüffel. "Die allergrößte Lebenslüge wäre es zu glauben, wir müssten nichts oder nur sehr wenig verändern." Der Seitenhieb gilt NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU), der gefordert hatte, die Union müsse sich von "Lebenslügen" verabschieden. Auch Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) erhält eine dezente Watsche. Es sei "nicht so günstig", sich in die persönliche Lebensplanung anderer einzumischen. Steinbrück hatte empfohlen, für die Altersversorgung auf Urlaub zu verzichten - ruderte aber gestern zurück: "Kommunikativ war das Wort Urlaub wohl falsch." Merkel macht ansonsten aber in Harmonie, man spürt, wie sie ein gutes Koalitionsgefühl herbeireden will. Nächste Woche kommt sie wieder, um mit Vizekanzler Müntefering die weitere Arbeitsplanung des Kabinetts zu präsentieren. In Berlin scheinen Merkel-Tage anzubrechen.