"Ich koche mir jetzt ein Ei!"

Schon wieder vergessen? Da war doch was vor der Papstwahl und der Zypern-Krise und dem erneuten Wintereinbruch. Irgendwas mit Eiern. Vergessen sorgt für Freiräume. Ein banaler Satz, der viel über unseren Alltag verrät. Wären wir dazu nicht in der Lage, kämen wir angesichts des ständigen Neuzugangs an Informationen schnell an unsere Grenzen. Wenn es beispielsweise um die tägliche Ernährung geht, um das Essen und Trinken, legen wir Wert auf vertraute Dinge, sind aber zugleich wählerisch und immer häufiger skeptisch. Eigentlich müssten wir ständig unser Radar auf einen Bereich richten, der heute vorwiegend wie eine "Hintergrundbefriedigung" abläuft. Um die Nahrung kümmert man sich ja in den seltensten Fällen selbst, ähnlich verhält es sich mit der Zubereitung.

Das Wissen um die Herkunft der Produkte geht zurück, weil die Welt zu einem großen Gemüse- und Obstgarten geworden ist - von nicht-natürlichen Erzeugnissen soll hier gar nicht erst die Rede sein. Zudem fehlt dem Verbraucher zuweilen nicht nur die Zeit, sich ordentlich zu ernähren, sondern auch die Zeit, sich grundlegender Prinzipien permanent zu vergewissern.
Das Auf und Ab der Skandale rüttelt zwar auf, steigert aber auch den Fatalismus. Denn die Wahrnehmung unserer Umwelt verträgt nicht nur ein gewisses Maß an Unaufmerksamkeit, vielmehr ist das alltägliche Funktionieren auf diese Unaufmerksamkeit geradezu angewiesen. Unsere Berufe etwa sind das Ergebnis von Arbeitsteilungen, die uns zu selektiven Wahrnehmungen veranlassen. Niemand kann ein Auge für alles und jeden haben. Gleichzeitig gehört zu den diffusen Ansprüchen des elektronischen Zeitalters die Vorstellung, zu allem etwas sagen zu müssen: Engagement und aktive Beteiligung wird erwartet, und wenn es nur 140 Zeichen sind. Zweifelnde Stimmen, ob dieses Rauschen in den Medienkanälen tatsächlich etwas bewegt, nehmen zu.
Das Themenkarussell dreht sich derweil weiter: Vorgestern die Lebensmittelkontrolleure, gestern ein Online-Händler, heute die Futtermittel, morgen vielleicht eine Fluggesellschaft. Wer unter die Lupe genommen wird, scheint automatisch Falten zu bekommen. Ein wirklicher Zugriff auf die Gesamtzustände scheint aussichtslos, die Gewissheit heißt: Es werden neue Fälle folgen. Verdachtsmomente genügen, um Empörungskaskaden auszulösen, die niemand kontrollieren kann. Ob berechtigt oder nicht: Die Macht des Verbrauchers ist nicht nur geld-, sondern auch wortlastig. Aber sie wird von den wenigsten dauerhaft, nachhaltig und konsequent eingesetzt. Auch hier herrscht Knappheit auf breiter Front.
"Genug geeiert" meinte die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 26. Februar dieses Jahres angesichts neuer Verdachtsmomente um Bio-Eier. Auch kein wirklich neues Problem: Als es vor gut zwei Jahren um die Qualität der Eier ging - kaum jemand wird sich erinnern -, da schrieb der Journalist Harald Martenstein den Menschen aus der Seele: "Ich kann mich nicht mehr aufregen. Es ist nicht von heute auf morgen passiert. Es war, glaube ich, ein schleichender Prozess. Eines Morgens habe ich, wie an jedem Morgen, die Zeitung aufgeschlagen, es stand etwas über einen Skandal mit Eiern darin. Irgendwas stimmt nicht mit den Eiern. (...) Ich koche mir jetzt ein Ei, und wenn es mein letztes ist."
Das Ei, dieses Symbol des Lebens: Man möchte nicht einmal mehr zum Huhn werden. Denn offenbar wird uns mehr und mehr bewusst, dass man in diesem Leben mehr zu tun hätte als bislang bekannt war. Jetzt, da Ostern vor der Tür steht, wird es hier und da vielleicht als Alternative eine Lammlasagne geben. Und gewiss wird auch wieder die Frage aufkommen, wie viel Geld denn ausgegeben wird, ob Ostern diesbezüglich Weihnachten bald den Rang abläuft - und vermutlich werden wieder (Kauf-)Rauschzustände erwartet. Wer angesichts eines übermäßigen Genusses von gefüllten Ostereiern einem Rausch erliegt, dem sei "Fröhliche Ostern" von Kurt Tucholsky aus dem Jahr 1914 mitgegeben: "Der fleißige Kaufherr packt die Ware ins pappne Ei zum besseren Konsum: Ein seidnes Schnupftuch, Nadeln für die Haare, die Glitzerbrosche und das Riechparfuhm." Verpackungskunst hat als Kaufanreiz also eine lange Tradition. Süßes als Antwort auf die Fastenzeit ebenfalls - ob man sich an das religiöse Gebot gehalten hat oder nicht. Allerhöchstens ist der Schokoladenmarkt vielfältiger geworden, ebenso differenziert wie unsere Gesellschaft. Und kleine Geschenke zusätzlich gab es vor hundert Jahren offenbar auch schon.
Trotz des Konsumvergleichs mit Weihnachten - alle Jahre wieder - wird an Ostern allenfalls ein Viertel dessen ausgegeben, was sich während der langen Adventszeit anhäuft. An die Bedeutung des Osterfests und des Ostermontags muss von höchster kirchlicher Stelle erinnert werden, in Umfragen werden gerne Zeitgenossen vorgeführt, die damit die Geburt Jesu verbinden. Ein leichtes Spiel für jene, die aus dem Karfreitag auch mal einen Car-Freitag machen wollen und in Grenzregionen mit Shopping-Angeboten aufwarten. Über den Konsum bleibt so auch Ostern im Gespräch.
Um das Nest herum werden vielleicht auch Dramen oder Skandale den "realistischen Morgensegen" begleiten, als den der Philosoph Hegel einmal die morgendliche Zeitungslektüre bezeichnete. Aber: Vergessen macht frei, und am (Oster-)Sonntag wird es auch mal zwei von den Eiern geben. Michael Jäckel
Extra

Michael Jäckel (53) ist seit 2002 Professor für Soziologie an der Universität Trier. Medien und Kommunikation gehören zu den wichtigsten Themenbereichen seiner wissenschaftlichen Arbeit. Seit 2011 ist Jäckel Präsident der Uni Trier. DiL

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