"Ich schlafe nicht in Ferrari-Nachtwäsche"

"Ich schlafe nicht in Ferrari-Nachtwäsche"

Der Auftrag, den insolventen Nürburgring zu retten, hat den Trierer Insolvenzverwalter Thomas B. Schmidt quasi über Nacht bekannt und zu einem vielgefragten Mann gemacht. Wie seine erste Zwischenbilanz ausfällt, verrät der Sanierungsexperte im Gespräch mit den TV-Redakteuren Rolf Seydewitz und Frank Giarra.


Als Sanierungsgeschäftsführer sind Sie seit kurzem der Chef des Nürburgrings. Was war vorher Ihr Eindruck vom Ring und dem Chaos drumherum?
Schmidt: Meine Informationen vor der Insolvenz stammten aus den Medien. Was mich dabei besonders interessierte, war die gesamte Beihilfeproblematik: Was kann ein Staat, kann ein Bundesland an eigenen finanziellen Mitteln in ein Projekt stecken? Darüber hinaus hatte ich den Eindruck, dass es ein ziemlich undurchsichtiges Projekt ist und bestimmte Dinge gründlich schiefgegangen sind.
Zum Beispiel …
Schmidt: … beispielsweise die sehr skurrile Geschichte der Privatfinanzierung mit Geldtransfers in die Schweiz. Für Außenstehende mündete das schon fast im Grotesken. Was die Leute motiviert hat, solche Dinge zu tun, habe ich nicht mitbekommen.
Was war Ihr erster Gedanke, als der Job des Sanierungsgeschäftsführers an Sie herangetragen wurde - Fluch oder Segen?
Schmidt: Lassen Sie mich Folgendes voranstellen: Es war für mich eigentlich nicht vorstellbar, dass eine Landesgesellschaft überhaupt in die Insolvenz gehen kann. Jetzt, wo ich die Hintergründe kenne, kann ich es nachvollziehen. Ich war natürlich erfreut, dass man auf mich zugekommen ist, mich gefragt hat.
Jetzt machen Sie den Job ja erst seit kurzem: Was hat Sie bisher am meisten beeindruckt?
Schmidt: Die Komplexität. Die Geflechte der Firmen und das Zusammenwirken sind sehr vielfältig. Da braucht man schon eine Zeit, um das zu verstehen. Beeindruckt hat mich aber auch die große Begeisterung der Menschen für den Motorsport. Ich hätte nie vermutet, wie viele Privatleute abends über die Nordschleife rasen. Die Motorsportszene ist ein eigenes Völkchen mit besonderen Leidenschaften.
Haben Sie sich vorher etwa noch nie ein Formel 1-Rennen im Fernsehen angeschaut?
Schmidt: Schon. Aber ich schaue nicht jedes Rennen. Und ich schlafe auch nicht in Ferrari-Nachtwäsche. So weit geht meine Leidenschaft nicht. Ich bin ein durchschnittlich begeisterter Motorsportfan. Für echte Fans ist der Nürburgring eine Frage von nationaler Bedeutung, ein Mythos. Da ist sehr viel Herzblut und Leidenschaft drin. Das beeinflusst mich natürlich.
Wie bekommen Sie denn die arbeitsaufwendige Ring-Geschäftsführung mit Ihrer regulären Arbeit unter einen Hut?
Schmidt: Ich habe das große Glück, dass ich Pech gehabt habe. Bevor ich den Auftrag bekommen habe, hatte ich mir den August terminlich freigehalten, weil ich Urlaub machen wollte. Ich konnte mich also auf den Nürburgring konzentrieren. Außerdem bin ich nicht alleine: Ich arbeite mit dem Koblenzer Kollegen Jens Lieser, der zum vorläufigen Sachwalter bestellt wurde, weiteren Anwälten und meinem Team zusammen.
Die Landespolitik hat ja gesagt, sich in Ihr Geschäft nicht einmischen zu wollen. Trotzdem sind Sie dauernd zu Sitzungen oder Gesprächen eingeladen. Wie passt das zusammen?
Schmidt: Es gab bislang keinen Versuch der Einflussnahme. Meist ging es darum, mich kennenzulernen. Am Mittwoch war ich beispielsweise in der SPD- und in der CDU-Landtagsfraktion zu Gast. Ich hoffe, nach den Gesprächen haben viele die Erkenntnis mitgenommen, dass ich unabhängig, sachorientiert und transparent handele.
Die Nürburgring-Betreiber haben vor zwei Tagen mit der Ankündigung für Schlagzeilen gesorgt, ihre Pachtzahlungen einzustellen. Wie bewerten Sie das?
Schmidt: Ich war überrascht und nicht glücklich über diese Äußerung. Aber das Tischtuch ist nicht zerschnitten. Es gab danach schon Kontakte, vielleicht sollte nur etwas Druck aufgebaut werden. Der konstruktive Dialog mit den Herren Lindner und Richter wird fortgesetzt.
Gespräche mit dem Ziel, dass Besitz und Betrieb des Nürburgrings wieder in eine Hand kommen?
Schmidt: Die bisherigen Gespräche hatten zum Ziel, dass wir den Ring am 1. November zurückbekommen. Durch die Insolvenz hat sich an der Situation schon etwas geändert. Ich bin optimistisch, dass wir eine Lösung hinbekommen, auch wenn ich mich zum Inhalt noch nicht äußern möchte. Da ist auf beiden Seiten Kreativität gefragt. Wir müssen zunächst einmal sicherstellen, dass der Ring normal weiterläuft, bis wir ihn EU-konform vermarkten können.
Aus Industriekreisen hören wir das Gerücht, dass zur Rettung des Rings über ein Stiftungsmodell nachgedacht wird …
Schmidt: Interessant, dass Sie mich darauf ansprechen. Ich will das weder bestätigen noch dementieren. Ich kann nur sagen: Auf unserer seit kurzem freigeschalteten Internetseite www.nuerburgring-dialog.de ist dieser Vorschlag schon gemacht worden. Ein interessantes Modell, das als Idee ernst genommen werden muss. Eine Umsetzung müsste natürlich mit Brüssel abgestimmt werden. Aber noch einmal: Der Gedanke hat Charme.
Was wäre der Ring ohne die Formel 1? Was ist denn da der Stand der Dinge?
Schmidt: Die Formel 1 ist ein Aushängeschild und prägend für die Rennstrecke. Deshalb möchten wir sie gerne behalten. Fakt ist aber auch, dass wir nicht in eine Schatulle greifen und Antrittsgelder bezahlen können. Von daher macht es Sinn, dass die Pächter mit Herrn Ecclestone über ein Modell verhandeln, das die Formel 1 an den Ring bringt und uns von den Antrittszahlungen entlastet. Ein solcher Vertrag bedarf aber unserer Zustimmung.
Es ist behauptet worden, dass es in einem Insolvenzverfahren einfach sei, sich von den Ringbetreibern zu trennen. Trifft dies zu?
Schmidt: Das ist wahr und auch wieder nicht. Ich kann in der jetzigen Situation den Vertrag nicht einfach beenden. Es gibt in der Insolvenz Sonderkündigungsrechte. Die bestehen aber nicht, wenn der Verpächter in die Insolvenz geht. Wenn die Betreiber in die Insolvenz gingen, könnte deren Insolvenzverwalter quasi von heute auf morgen die Verträge kündigen. Allerdings gibt es einen Mechanismus in der Insolvenzordnung, der uns hilft. Wenn Vermögensgegenstände wie die Rennstrecke oder die Immobilien langfristig verpachtet sind, könnte ich diese nicht verwerten. Deshalb sieht die Insolvenzordnung vor, dass bei einem Verkauf der Käufer den Pachtvertrag in der gesetzlichen Frist kündigen kann. Dann müssen die Betreiber in spätestens sechs Monaten draußen sein.
Wissen das die Herren Lindner und Richter?
Schmidt: Davon gehe ich aus. Wenn die Herren Lindner und Richter sich nicht auf einen Vergleich einlassen, laufen sie Gefahr, dass ein Käufer von seinem Sonderkündigungsrecht Gebrauch macht. Insofern hat sich die Verhandlungsposition der Pächter durch die Insolvenz verschlechtert, weil sie jetzt mit einem Sonderkündigungsrecht nach Veräußerung rechnen müssen.
Wie ist Ihre Vision vom Nürburgring 2020?
Schmidt: Meine Vision vom Nürburgring 2020 ist eine Rennstrecke, die sich in neuen Händen befindet. Und zwar in Händen von jemandem, der die Idee einer für die Allgemeinheit, den Breitensport und die Motorsportfans zugänglichen Rennstrecke verwirklicht. Und der die Veranstaltungen weiter ermöglicht, die den Nürburgring prägen, von Rock am Ring über die Formel 1 bis hin zu all den kleineren Veranstaltungen, die alle sehr viele Fans haben. Ich wünsche mir, dass die Region mit der Lösung und dem hoffentlich nachhaltigen Konzept zufrieden ist, jeder sein Auskommen hat, die Arbeitsplätze erhalten bleiben oder sogar ausgebaut werden.
Wird die Politik nach wie vor ein Wörtchen mitreden am Ring?
Schmidt: Nein. Ich sehe in der Zukunft keinen Einfluss der Landesregierung auf die Geschäfte am Nürburgring mehr. Das wird auch EU-rechtlich nicht anders gehen. Zu einer wie auch immer gearteten privatrechtlichen Lösung gibt es keine Alternative. Also: Mit Abschluss des Verfahrens wird der landespolitische Einfluss beendet sein. Eigentlich ist der Einfluss schon seit der Einleitung des Verfahrens vorbei.
sey/fcg
Extra

Der gebürtige Niedersachse Thomas B. Schmidt studierte an der Universität Trier die Fächer Rechtswissenschaften, Soziologie und Philosophie. Auf zwei juristische Staatsexamina und einen Magisterabschluss folgten die Promotionen zum Dr. jur. mit einer Arbeit zum Verhältnis von Tarif- und Betriebsautonomie sowie zum Dr. phil. mit einer rechtsphilosophischen Themenstellung. Seit 1997 ist Thomas B. Schmidt als Rechtsanwalt und Unternehmensinsolvenzverwalter in Trier tätig. Er betreute mehr als 500 Insolvenzverfahren. Seit zehn Jahren lehrt er an der Trierer Fachhochschule Wirtschafts- und Insolvenzrecht. sey

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