Iglu gewinnt gegen Pisa

BERLIN. Nach dem Pisa-Schock nun das Aufatmen nach der "Iglu"-Studie: Zehnjährige deutsche Grundschüler schneiden beim Lesen und Rechnen gut ab und liegen im internationalen Vergleich im "oberenLeistungsdrittel".

"Es war einmal ein Hase, der sich ständig Sorgen machte. Oh je,murmelte er den ganzen Tag, oh je, oh je, oh jemine." So fängteiner von den Texten an, die im Sommer 2001 rund 10 000Viertklässlern in 246 Grundschulen vorgelegt wurden. "Es gingnicht darum, wie schnell jemand lesen kann", sagt ProfessorWilfried Bos, der federführend die internationale Lesestudie"Iglu" in Deutschland durchführte. Die Schüler hätten vielmehreine "Verstehensleistung" erbringen und Fragen zum Textbeantworten müssen. Ergebnis: Die überwiegend Zehnjährigenbrauchen sich hinter ihren Altersgenossen in anderen Ländernnicht zu verstecken. 35 Nationen nahmen an "Iglu" teil, die deutschen Schüler finden sich bei der Lesekompetenz "im oberen Leistungsdrittel" wieder. Lediglich drei Länder schneiden besser ab: Schweden, Niederlande und England. Und weil man gerade dabei war, testeten die Experten zusätzlich auch noch die Kenntnisse der Viertklässler in Mathematik und in den Naturwissenschaften. Auch hier schnitten die deutschen Grundschüler gut ab im Vergleich zu einer internationalen Studie von 1995.

Der Andrang im Bundesrat war gestern jedenfalls groß, als Wissenschaftler Bos zusammen mit Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) und der Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Hessens Schulministerin Karin Wolf (CDU), die Ergebnisse von "Iglu" vorstellte. Verwunderlich ist das Interesse nicht. Seit dem im Dezember 2001 das miserable Abschneiden der deutschen Pennäler bei der OECD- Studie "Pisa" bekannt wurde, ein halbes Jahr später dann der nationale Vergleich für politische Auseinandersetzungen sorgte, ist die Bildungsmisere in aller Munde.

Ergebnis über den Erwartungen

Nach den Negativ-Debatten über Bildungsniveaus, die desolate Lage an den Schulen und Gegenkonzepte hatten aber wohl selbst die Damen und Herren der KMK sowie Ministerin Bulmahn nicht mit einem positivem Iglu-Ergebnis gerechnet: "Überraschend erfreulich" seien die Resultate, lautete die Bewertung. Hinter den großen Dreien liegen die deutschen Viertklässler etwa gleichauf mit ihren Altersgenossen in Bulgarien, Lettland, Kanada, USA und Italien.

Die Zehnjährigen von "Iglu" schnitten besser ab als die 15-Jährigen bei "Pisa". Auch wenn die Ergebnisse beider Studien schwer zu vergleichen sind, so hat dies doch laut Bos mit den "pädagogischen Konzeptionen an den Grundschulen" zu tun. Sie seien "in einem höheren Maße altersgemäß und geeignet", den verschiedenen Schülern gerecht zu werden. Die anderen Schulformen könnten sich daran ein Beispiel nehmen, wie man für alle Schüler ein angemessenes Leistungsniveau sichere. Die Iglu-Ergebnisse zeigen noch etwas: DieLeistungsfähigkeit der Schüler scheint nicht ausschlaggebend für die Schulempfehlung nach der vierten Klasse zu sein. Sondern mehr soziale Faktoren. Bei gleicher Kompetenz erhalten 40 Prozent der Kinder eine Empfehlung für die Realschule, 33 Prozent fürs Gymnasium und 22 Prozent für die Hauptschule.