Im Widerspruch zur Umgebung

HAMBURG. (dpa) Ist Deutschland noch ein christliches Land? Das ist eine zentrale Frage beim Gedenken des sich am 5. Juni zum 1250. Mal jährenden Todestags des angelsächsischen Mönchs Winfrid, genannt Bonifatius. Sein Wirken war eine entscheidende Phase der Missionierung Deutschlands.

Die Frage ist nicht neu. Aber die Antworten sind seit Jahrzehnten zunehmend negativ. Nicht nur die gesunkene Zahl der Kirchenmitglieder wird als Anzeichen einer Entchristlichung unserer Gesellschaft genannt. Auch und vor allem: das Schwinden christlicher Lebenshaltung und Wertorientierung, eines Denkens und Handelns der Solidarität und der Nächstenliebe - zu Gunsten von Selbstverwirklichung und Selbstdurchsetzung. Die beiden großen Kirchen haben seit Anfang der neunziger Jahre mehr als drei Millionen Mitglieder verloren. Sie zählen zwar noch über 53 Millionen, doch ein sehr großer, statistisch nicht erfassbarer Anteil kann nur nominell als Christen gelten - gemessen am Gottesdienstbesuch und der Praktizierung der Botschaft Jesu. Eindeutiger ist der Befund für die neuen Bundesländer. Die DDR galt als das religionsloseste Land der Welt - als Folge von zwölf Jahren Nationalsozialismus und mehr als vier Jahrzehnten einer atheistischen Herrschaft der SED. Seit der Wiedervereinigung 1990 hat sich in dieser Hinsicht im Osten kaum etwas geändert. Pfarrer Heinrich Albertz, Regierender Bürgermeister von Berlin 1966/67, hatte einmal die Ansicht geäußert, dass einige Gegenden Ostdeutschlands nie wirklich christianisiert worden seien. 75 Prozent der Bevölkerung im Osten gehören keiner Kirche oder Religionsgemeinschaft an.Diffuse und vage Gottesvorstellungen

Im internationalen Vergleich christlicher Vitalität steht auch ganz Deutschland eher negativ da. Nach einem von dem Professor für vergleichende Kultursoziologie Detlef Pollack (Frankfurt/Oder) 2002 vorgestellten Überblick besuchen Iren im Durchschnitt 38 Gottesdienste im Jahr, Polen 33, Portugiesen 22, Italiener 21, die Deutschen in den alten Bundesländern zehn und in den neuen drei. Bei den Dänen, Schweden, Norwegern und Tschechen sind es fünf. Umfragen zeigen, dass in Deutschland weiterhin mehr als die Hälfte der Bevölkerung an die Existenz Gottes oder einer "göttlichen Kraft" glauben. Doch wird dies nur bedingt als Indiz für Christlichkeit gewertet. Die Gottesvorstellungen sind weitgehend diffus und vage geworden. Auch das verzeichnete Interesse an Religion, vom Buchmarkt bis Talkshows, gelegentlich sogar als Religions-"Boom" gesehen, bewertet Pollack skeptisch: "Es ist einfach nicht wahr, dass die Kirchen sich leeren, aber Religion boomt." Der Bedeutungsverlust der Religion betreffe alle ihre Dimensionen, ihre institutionelle ebenso wie ihre individuelle. Für den Theologen Thomas Ruster (Universität Dortmund) zeigt sich: "Die Christianisierung Europas hat nur einen dünnen Firnis über das Heidentum gebreitet, das immer bereitstand, wieder hervorzubrechen." Heute scheint ihm das Heidentum, wie vor Bonifatius, wieder zu bedeuten: "Die Mächte anzuerkennen, die uns regieren, und ihnen zu dienen." Der Wachstumszwang der Wirtschaft sei die Macht, die die Welt heute bestimme. Ruster nennt im gleichen Zusammenhang die "Kultur der Selbstverwirklichung". Im Kontrast dazu hat das Christentum "die einzige Revolution zu verkünden, die diesen Begriff verdient. Dass gegenüber aller Ausrichtung auf Selbsterhaltung, die der Natur eigen ist, die Ehre Gottes im Mittelpunkt des Daseins steht." Dazu erscheint sich ihm zwingend eine Frontstellung der Christen zu ergeben gegen "die Mächte, die unsere Zeit beherrschen". Einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts, Karl Rahner (1904-1984), befand schon in den siebziger Jahren, es könne in Deutschland nicht mehr von einer christlichen Gesellschaft gesprochen werden. "Wir sind in der Gesellschaft eine kleine Herde, und wir werden noch eine kleinere Herde werden", sagte er von den Christen. Die Kirche werde in der Zukunft gebildet werden "durch solche, die in Widerspruch zu ihrer Umgebung zu einer persönlich deutlich und Reflex verantworteten Glaubensentscheidung sich durchgerungen haben." Deutschland also wieder ein Missionsland? Die Chancen für eine neue flächendeckenden Christianisierung scheinen gering, jedenfalls nach dem Muster der Zeit des Bonifatius. Nicht durch das Verkünden des "Wortes Gottes", sondern nur durch das Lebensbeispiel der verbliebenen Christen könne das Christentum die Zukunft gewinnen, meinen Religionssoziologen.Was meinen Sie? Ist Deutschland ein christliches Land? Mailen Sie uns Ihre Ansichten in Kürze. Geben Sie bitte Namen und Anschrift an. sas/hw