Importierte Kriminalität

Es sieht so aus, als würde Deutschland mit der Mehrfach-Hinrichtung von Duisburg die Kehrseiten der europäischen Einigung kennenlernen. Frei exportiert und importiert werden eben nicht nur Waren und Dienstleistungen, sondern auch Formen von Kriminalität, die man bislang nur aus Filmen zu kennen glaubte.

Natürlich hat die Duisburger Polizei Recht, wenn sie bis zum Beweis des Gegenteils in verschiedene Richtungen ermittelt. Aber die unglaublich brutale Art der Exekution auf offener Straße, die landsmannschaftlichen Hintergründe der Opfer und vor allem die glasklaren Aussagen des italienischen Innenministeriums lassen wenig Raum für Zweifel an einem Zusammenhang mit der Mafia. Und wenn es denn stimmt, wie Experten sagen, dass Deutschland ein beliebter "Ruheraum" für Mafiosi ist und Duisburg eine von mehreren "Hochburgen", dann bringen die Todesschüsse vor der Pizzeria "Da Bruno" vielleicht nur etwas ans Tageslicht, was schon seit längerem in Hinterzimmern schwelt.

Es besteht kein Grund zur Panik, Deutschland ist nicht Kala-brien. Aber aufpassen muss man schon. Und genau nachsehen, was uns an organisierter Kriminalität - nicht nur aus Italien - ins Land schwappt. Der Brand muss ausgetreten werden, bevor er unkontrollierbar wird.

Entscheidend für den Erfolg ist dabei die Zusammenarbeit zwischen den deutschen Behörden und den Ermittlern im Herkunftsland. Genau da scheint es in den letzten Jahren stellenweise gehapert zu haben. Szenekenner weisen darauf hin, die einst gut funktionierende polizeiliche Zusammenarbeit mit Italien sei nach der Regierungsübernahme durch Berlusconi ab 2001 von der dortigen Politik systematisch abgebaut worden. Von deutschen Protesten war nie etwas zu vernehmen. Es wäre unerträglich, wenn diplomatische Rücksichtnahme dazu führte, den Mantel des Schweigens über mangelnde Kooperationsbereitschaft zu decken.

Es gibt keinen absoluten Schutz vor Kriminalität, jedenfalls nicht in einer offenen Gesellschaft. Man muss mit ihr leben. Gefährlich wäre es allerdings, wenn organisierte Kriminelle aus anderen Ländern den Eindruck hätten, in Deutschland ließe sich risikoloser morden als anderswo. Die beste Versicherung gegen diese Gefahr ist eine effektive, schnelle Aufklärung, wie sie der Polizei kürzlich bei dem siebenfachen Mord im Chinarestaurant von Sittensen gelang. Hoffentlich sind die Strafverfolger in Duisburg ähnlich erfolgreich.

d.lintz@volksfreund.de