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In Riad Flagge zeigen, in Paris fernbleiben: Szenen einer Zwangsehe zwischen Amerika und Saudi-Arabien

In Riad Flagge zeigen, in Paris fernbleiben: Szenen einer Zwangsehe zwischen Amerika und Saudi-Arabien

Nach Paris flog Barack Obama nicht, wohl aber nach Riad, um dem neuen König Saudi-Arabiens seine Reverenz zu erweisen. Warum die USA ihren ältesten Alliierten im Nahen Osten mehr denn je brauchen.

An seine erste Begegnung mit einem saudischen König wird der amerikanische Präsident vermutlich nur ungern zurückdenken. Da verbeugte sich Barack Obama, es war während eines G-20-Gipfels in London, so tief vor Abdullah bin Abdul Asis, dem vorige Woche verstorbenen Monarchen, dass seine Kritiker empört von einem peinlichen Kniefall sprachen. Nun kürzt er eine Indien-Reise um einen Tag ab, um Abdullahs Nachfolger Salman seine Reverenz zu erweisen. Statt das Taj Mahal zu besichtigen, wird er am Dienstag nach Riad reisen.

Was allein schon für hochgezogene Augenbrauen sorgt: Als Paris der Toten der Terroranschläge gedachte, war Obama dem Marsch nicht nur ferngeblieben, er hatte auch kein Kabinettsmitglied entsandt, um sich vertreten lassen. In Riad dagegen zeigt er Flagge, allein die Trauerdiplomatie macht deutlich, welchen Stellenwert Saudi-Arabien im Kalkül des Oval Office besitzt. Wohlgemerkt, eine erzkonservative Monarchie, die mit der liberalen Demokratie amerikanischen Zuschnitts bis auf geostrategische Interessen so gut wie nichts verbindet.

Tatsächlich handelt es sich um Amerikas ältesten durchgängigen Alliierten im Nahen Osten. Es begann damit, dass Franklin Delano Roosevelt im Februar 1945, auf der Rückreise von der Dreimächtekonferenz in Jalta, am Suezkanal einen Überraschungsgast empfing. Auf dem Kriegsschiff "Quincy", im Großen Bittersee, traf er sich mit Ibn Saud, dem ersten Herrscher des Wüstenkönigreichs. Der Monarch ließ an Bord eine Ziege schlachten, was den Pakt feierlich besiegelte. Wenige Jahre nach den ersten größeren Ölfunden an der saudischen Ostküste war es der Anfang einer Beziehung, die inzwischen mancher mit einer gescheiterten katholischen Ehe vergleicht: Die Partner haben sich auseinandergelebt, ohne dass einer der beiden es wagt, die Scheidung einzureichen.

Den Höhepunkt markierte 1990/91 der Golfkrieg, als das Haus Saud sein Territorium zur Verfügung stellte, um die Truppen einer von George Bush gezimmerten Koalition gegen Saddam Hussein aufmarschieren zu lassen und das besetzte Kuwait zu befreien.

Eine Dekade später folgte der absolute Tiefpunkt. Nachdem klar war, dass 15 der 19 Attentäter des 11. September aus Saudi-Arabien stammten, forderte ein anschwellender amerikanischer Chor, sie endlich zu beenden, die Farce der Scheinallianz mit einem Land, das Frauen das Autofahren verbietet und Dissidenten durch Peitschenhiebe bestraft.

Als Fracking einen Ölboom in der Einöde North Dakotas auslöste, warfen die Befürworter der umstrittenen Methode die Aussicht, eines Tages unabhängig von Energieimporten zu werden und den Saudis den Laufpass geben zu können, als wichtiges Argument in die Debatte.

Die Dynastie in Riad wiederum nahm es Obama übel, dass er sich hinter die Revolutionäre auf dem Kairoer Tahrir-Platz stellte und dem alten Verbündeten Hosni Mubarak den Rücktritt nahelegte, statt ihn zu stützen. Und während sie syrische Rebellen bewaffnete, um Baschar al-Assad aus dem Amt zu zwingen, verzweifelte sie fast an einem US-Präsidenten, dessen oberste Priorität es war, sich nicht in einen fernen Bürgerkrieg hineinziehen zu lassen.

Zwei Faktoren haben die Reibungen zuletzt abgeschwächt, zum einen die Ernüchterung über den Arabischen Frühling, zum anderen die Offensive der Milizen des Islamischen Staats. Angesichts schlechterer Alternativen muss die Art von Realpolitik, wie die Partnerschaft mit Riad sie symbolisiert, als das kleinere Übel erscheinen. Das Magazin Foreign Affairs hat es auf eine sehr lakonische Zeile gebracht: "Die unangenehme Wahrheit ist die: Die Vereinigten Staaten brauchen Saudi-Arabien mehr denn je."