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In Trier müsste niemand erfrieren

In Trier müsste niemand erfrieren

In den vergangenen Wintern sind auch in Trier Obdachlose erfroren. Denn sie lehnten die Hilfe ab, die ihnen zur Verfügung gestanden hätte. Obwohl die Obdachlosenheime derzeit voll belegt sind, wird dort weiterhin jeder Hilfesuchende aufgenommen.

Trier. Die Hände tief in den Taschen vergraben, eilen die Menschen mit hochgeklappten Mantelkrägen und angespanntem Gesichtsausdruck durch die Trierer Innenstadt. Zum Verweilen ist es viel zu kalt. Das scheinen sich auch die Trierer Obdachlosen zu denken. Die Parkbänke liegen verlassen unter einer harschigen Schicht Schnee. Selbst den Almosensammelplatz vorm Dom hat der eisige Wind leer gefegt. Nur in einer kleinen Grünanlage an der Jakobstraße stehen zwei Männer neben ihren Plastiktüten und reiben sich die Hände.
Nach einer Zigarette, vielen Gesten und ein paar Brocken Deutsch wird klar: Sie kommen aus der Slowakei, sind erst seit wenigen Tagen in Trier und schlafen im Auto. "Kalt", sagt der Jüngere. Dass es ein Obdachlosenheim gibt, wusste er nicht und will gleich erfahren, wo das liegt.
Das Übernachtungsheim für Männer befindet sich auf der anderen Moselseite gleich bei der Römerbrücke und wird bei Bedarf noch ein paar Notbetten mehr aufstellen, um die Slowaken unterzubringen. Denn die 23 regulären Schlafplätze sind seit dem Kälteeinbruch belegt.
Nur wenige leben auf der Straße


Dennoch wohnen dort derzeit 28 Menschen in jugendherbergs-ähnlichen Zimmern. "Wir weisen hier niemanden ab", sagt Werner Schultze, der das zum Caritasverband gehörende Benedikt-Labre-Haus leitet. Er schätzt, dass nur fünf, vielleicht sieben Männer in Trier tatsächlich auf der Straße leben. Streetworker und Polizisten bemühen sich darum, auch sie ins Heim zu holen - aber zwingen kann man sie nicht, sagt Schultze, kurz bevor er das Haus nach der Mittagspause wieder aufschließt, um die ersten Wartenden einzulassen. Bis sie um 18 Uhr in ihre Zimmer können, steht ihnen eine Teestube als Aufenthaltsraum zur Verfügung.
Unter den Obdachlosen, die sich auf ein heißes Getränk freuen, sind auch zwei 18-Jährige. Für sie sei es nach zwei eisigen Nächten auf der Straße "die letzte Lösung" gewesen, ins Heim zu kommen, sagen sie. Nicht wissend, dass es da "ja wirklich nicht so schlimm ist" und sie zudem auf Gleichaltrige treffen. Dennoch hoffen beide, bald einen Job und eine Wohnung zu finden - wobei ihnen die Einrichtung bei Bedarf hilft.
Auch obdachlose Frauen finden in Trier Hilfe: im Café Haltepunkt des Sozialdienstes Katholischer Frauen. Die drei Betten in der Notunterkunft sind derzeit ebenso belegt wie die 17 regulären Plätze, und auch hier ist die Devise die gleiche: "Wir schicken niemanden weg", sagt Ilona Klein. Man werde - egal ob tags oder nachts - immer eine Lösung finden, um Wohnungslose aufzunehmen.
Sie schätzt, dass in Trier acht bis zehn Frauen auf der Straße leben. Allerdings kommen auch aus anderen Städten immer wieder neue Obdachlose in die Stadt. Ilona Klein rechnet damit, dass in den kommenden Tagen noch einige bei ihr anklopfen werden, um der bissigen Kälte zu entkommen. Eine Kälte, die zur Lebensgefahr werden kann.Extra

Kältetote, mehr Frost und überfüllte Obdachlosenheime: Die extreme Kälte kostet besonders in Osteuropa immer mehr Menschen das Leben. Dramatisch ist die Lage in der Ukraine. Im Ausrichterland der kommenden Fußball-Europameisterschaft erfroren bei Temperaturen bis minus 30 Grad in der Nacht zum Mittwoch weitere 13 Menschen. Damit stieg die Zahl der Kältetoten in einer Woche dort auf mindestens 43. In Polen erhöhte sich die Zahl der Erfrorenen auf 20. Vielerorts in Europa - auch in Deutschland - wird sich der Dauerfrost noch mal verschärfen. Die tiefste in Deutschland gemessene Temperatur in der Nacht zum Mittwoch war laut Deutschem Wetterdienst minus 15,9 Grad auf dem Großen Arber im Bayerischen Wald. dpaExtra

Auch in der Region sind in den vergangenen Jahren Menschen an Kälte gestorben. Im Januar 2009 starb bei minus 16 Grad eine 58-jährige Obdachlose in Igel bei Trier in einem Iglu-Zelt, nachdem sie das Gratis-Zimmer in einem Hotel abgelehnt hatte. Am zweiten Weihnachtstag 2010 erfror ein Obdachloser, der sein Lager unter einer Laderampe in einem Hinterhof in Trier-Süd aufgeschlagen hatte. red