Individuell und schnell

TRIER. Mitarbeiter kosten Geld – so viel, dass es sich der Trierer Finanzamtschef Jürgen Kentenich nicht erlauben kann, auch nur auf einen Mitarbeiter zu verzichten. Deshalb gibt es bei der Behörde Arbeitszeitmodelle noch und nöcher. Nicht immer zum Gefallen aller.

"Jede Jeck" ist anders, sagt der Kölner und gewährt jedem Menschen seine persönliche Freiheit. Dieses Motto könnte sich auch Triers Finanzamtschef Jürgen Kentenich aufs Revers geschrieben haben. Denn er legt Wert darauf, dass möglichst nicht nur die Dienstleistungen des Amts mit den Bedürfnissen eines jeden Bürgers in Einklang gebracht werden, sondern dass auch das Amt die Lebenssituation eines jeden Beschäftigten mit der Arbeit kombiniert. "Wir leben auch als Verwaltung nicht auf einer Insel der Glückseligen", sagt Jürgen Kentenich. Starke Mitarbeiter wichtig

Umso mehr heiße es, voranzugehen und sich als Amt den gesellschaftlichen Verhältnissen anzupassen. Bürgerorientierung und Erlebnisorientierung für die Mitarbeiter lauten die Schlagworte: "Natürlich brüllen nicht alle ,Hurra'. Ich brauche starke Leute, die mitgehen", sagt der Behördenleiter - etwa, sich als Team zu begreifen und weniger in Hierarchiestufen zu sehen. Der Lohn sei dafür nicht zu unterschätzen: ein besseres Image und der persönliche Kontakt zum Bürger. Der Beweis: Im Pilotamt für Arbeitnehmerveranlagung sind die Öffnungszeiten flexibler geworden und auf 44,5 Stunden erweitert worden, und für die Zusammenarbeit mit Handwerksbetrieben ist das Amt vom rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministerium ausgezeichnet worden. Arbeit gibt es genug, denn neue Gesetze schaffen neue Arbeit für die Finanzbeamten. "Wir müssen zunehmend ökonomisch denken und können nicht einfach das Personal ausweiten - das wäre verheerend", sagt Kentenich. Immerhin mehr als 862 Millionen Euro Steuern pro Jahr sind von den 427 Mitarbeitern und 32 Azubis in Trier zu erheben: das vierthöchste Steueraufkommen im Land und rund 6,5 Prozent der rheinland-pfälzischen Gesamtsumme. Ob telefonische Erreichbarkeit, Dauer von Bearbeitungszeiten oder "barsche" Gesprächsführung: Für Kritik von Kunden gibt es ein Beschwerde-Management. "Sich in den Bürger oder Unternehmer hineinzuversetzen, ist eine große und wichtige Aufgabe - für jeden Mitarbeiter", sagt der Behördenchef. Dabei verdichte sich die Arbeit: mehr Leistung in kürzerer Zeit bei weniger Leuten. "Das kann zu Frust führen." Auch der Geschäftsstellenleiter Helmut Noll und der Personalratsvorsitzende Ernst Witz stellen fest, dass die Leistungsschraube angezogen wird. "Wir sind zwar noch nicht da, wo wir hinwollen", sagt Witz. Es sei bei aller Umstrukturierung jedoch gelungen, eine "menschliche Komponente" zu berücksichtigen: "Es gibt eine breite Förderung auf allen Ebenen, dafür sind die Leute auch bereit, Leistung über Gebühr zu bringen. Man wird dafür honoriert und ist motiviert", sagt er. Um so wichtiger ist es für Amtschef Kentenich, das Personal optimal einzusetzen und Fehlzeiten zu verringern. Eine Methode: Teilzeit und verstärkte Gleichberechtigung. "Gleichberechtigung bedeutet für Männer und Frauen eine höhere Arbeits- und Lebensqualität und mehr Entscheidungsfreiheit", lautet die Devise. Und Kentenich hält fest: "Arbeit, Kreativität und Entscheidungsmacht von Frauen sind unverzichtbar." Eine Einstellung, für die Luzia Biesdorf, Gleichstellungsbeauftragte des Finanzamts, "unendlich dankbar" ist. 87 überwiegend weibliche Beschäftigte arbeiten in Teilzeit, die Modelle reichen von 35 bis 97,5 Prozent Arbeitszeit. Voraussetzungen dafür gibt es keine. Außerdem gibt es Modelle von mindestens zwei Tagen sowie zwei und drei Tagen Arbeit im wöchentlichen Wechsel. "Wir machen nur, was betriebswirtschaftlich zu erlauben ist", sagt Kentenich. Geschäftsstellenleiter Helmut Noll sieht dies jedoch als "problematisch" an. Weil man versuche, es jedem recht zu machen, komme es in Spitzenzeiten schon mal zu Platzproblemen. "Das ist ein Geben und Nehmen, und man ist angewiesen auf gegenseitige Rücksichtnahme", sagt Noll. Manchmal lägen die Wünsche der Beschäftigten "wenig nah an der Realität". Der Frauenanteil steigt wieder

Für den Behördenchef jedoch kein Grund, darauf zu verzichten: "Es muss im Interesse aller sein, dass junge Mütter frühstmöglich an ihren Arbeitsplatz zurückkommen", sagt er. Und in der Tat: "Der Frauenanteil steigt, Mütter kehren schneller an den Arbeitsplatz zurück", sagt Luzia Biesdorf. Und es gibt weitere familienfreundliche Arbeitsformen: Ein Eltern-Kind-Zimmer fängt Betreuungsengpässe sowohl für Kunden als auch für Beschäftigte auf; Überstunden können zur Kinderbetreuung angespart werden; pflegende Beschäftigte können Sonderurlaub beantragen; der gesamte Außendienst arbeitet in Heimarbeit; Mitarbeiter-Kinder werden im Ferienprogramm von Erziehern betreut. Die Folge: Personalengpässe in Ferienzeiten fallen weg, wegen der Betreuung entstehen weniger Kosten, die Anfragen der Bürger werden kontinuierlich bearbeitet. Ein moderner Ansatz eines modernen Chefs, befindet Gleichstellungsbeauftragte Biesdorf: "Gerade Frauen befinden sich häufig in der ,Sandwich-Position' zwischen Kinderbetreuung, Beruf und pflegebedürftigen Eltern."In der Serie "Projekt Zukunft" stellt der TV Firmen aus der Region und ihren Umgang mit der "Ressource Mitarbeiter" vor.