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Tüv-Sachverständiger berichtet
So gefährlich sind Indoor-Spielplätze

Auf Indoor-Spielplätzen sollen schon Kleinkinder alleine spielen können. Was Eltern jedoch nicht wissen: Viele der Anlagen weisen gefährliche Mängel auf, das berichtet ein Sachverständiger vom Tüv Rheinland. Von Susanne Hamann

Als Peter Löw diesen Indoor-Spielplatz prüft, kann er seinen Augen kaum trauen: Bei einer großen Netztunnel-Anlage, in der die Kinder unter Netzen durchkriechen sollen, sind die Bodenplatten lose. „Das bedeutet, die Kinder wären durchgerutscht und auf den Boden gestürzt“, sagt der Sachverständige des Tüv Rheinlands. Den Betreibern sei das nicht aufgefallen. Aus den Papieren der Anlage entnimmt der Prüfer, dass es sich dabei um eine Billig-Anlage aus China handelt. „Ich habe die Netztunnel-Anlage dann gesperrt. Ob das auch umgesetzt wurde, weiß man natürlich nicht.“ Denn niemand kontrolliert, ob eine untaugliche Spielanlage wirklich aus dem Verkehr gezogen wird oder nicht. „Bei Indoor-Spielplätzen gilt in Deutschland die sogenannte Betreiberhaftung. Das bedeutet, es gibt keine unabhängigen Kontrollen, sondern der Betreiber ist alleine für die Sicherheit der Spielgeräte verantwortlich.“ Es gibt auch keine Behörde, die kontrolliert, ob er die Geräte regelmäßig vom Tüv, der Dekra oder anderen Instituten prüfen lässt. Das bedeutet, oftmals fallen solche Mängel auf Indoor-Spielplätzen gar nicht auf, weil die Betreiber ihre Anlage nicht freiwillig vom Tüv prüfen lassen - und wenn doch, wird nicht nachgehalten, ob Mängel auch beseitigt werden.

Diese Mängel gibt es auf Indoor-Spielplätzen in NRW

Entsprechend sind die losen Platten auf der Netztunnel-Anlage auch kein Einzelfall in NRW oder in ganz Deutschland. „Ich sehe leider sehr häufig Mängel, sowohl als Prüfer, als auch als Vater bei Privatbesuchen.“ Lose Schrauben an Metallgerüsten, durch die Kinder klettern, habe er schon festgestellt. Mäuler von sogenannten Schnappies waren fehlerhaft, sodass Kinder beim hindurchkrabbeln daran hängen bleiben könnten. (Die Mäuler klappen regelmäßig auf und zu, deshalb werden die Spielgeräte so genannt.) „Manchmal sind es aber auch ganz offensichtliche Dinge, die man mit bloßem Auge sehen würde, wenn man die Anlage täglich kontrolliert“, sagt Löw. „Unter Trampolinen habe ich schon lose Schrauben vom Trampolingestellt gefunden. Das darf nicht passieren. Um das zu sehen, muss man sich ja nur bücken.“ Überhaupt machen die vielen neuen Trampolinhallen dem Tüv-Prüfer Sorge. „Die DIN-Norm für Indoor-Spielplätze ist ja schon nicht ausreichend, aber für Trampoline gibt es bislang so gut wie gar keine Sicherheitsangaben.“ Viele Betreiber hätten zudem keine Ahnung von Spielanlagen. „Es sind Leute, die spontan auf die Idee gekommen sind, so eine Anlage zu eröffnen, sich aber nicht auskennen“. Und bei Privatbesuchen sieht Löw oft, dass die zulässige Personenzahl auf den Spielgeräten überschritten wird und Rettungswege durch Bierzelttische und -bänke versperrt werden. „Sollte wirklich ein Feuer ausbrechen, ist das unglaublich gefährlich“, sagt Löw.

Das sagt der Verband der Hallen- und Indoor-Spielplätze

Die Norm, von der Löw spricht, ist übrigens die DIN 11/76 Teil 10. Die gilt eigentlich für Outdoor-Spielplätze, wird inzwischen aber auch für Indoor-Spielplätze benutzt - und deckt deshalb nicht alle Geräte ausreichend ab, weil es im Indoor-Bereich mehr Varianten gibt. „Darin steht aber auch, dass die Betreiber eigentlich jährlich eine professionelle Inspektion durchführen müssen und täglich selbst eine Routine-Inspektion. Das heißt, sie sollten durch die Anlage laufen, die Geräte genau ansehen, anfassen, daran rütteln, um sie zu kontrollieren.“ In der DIN-Norm steht zwar, dass das die Pflicht der Betreiber ist, „nur die Norm selbst ist nicht verpflichtend.“ Kommt es zu einem Unfall, wie etwa 2018 in Gerolzhofen (Bayern) oder 2015 in Erlenbach (Baden-Württemberg), Mönchengladbach sowie den Niederlanden, muss der Betreiber mit Schadensersatz oder sogar einem Strafrechtsverfahren rechnen, wenn er keine Sicherheitsprüfungen nachweisen kann. „Nur ist es dann zu spät“, sagt Löw.

Auch der Verband der Hallen- und Indoor-Spielplätze (VDH) ist mit der Situation unzufrieden. „Es ist nicht falsch, was der Tüv-Prüfer beschreibt. Wir sehen leider auch, dass es viele Anlagen gibt, bei denen die Sicherheit nicht so beachtet wird, wie wir es für nötig halten“, sagt Ulrich Hähnel, Sprecher des VDH. „Das liegt daran, dass es größtenteils keine verbindlichen Regeln für Betreiber gibt.“ Der VDH hat deshalb ein eigenes Regelwerk erstellt, das für alle seine Mitglieder verpflichtend ist. Mitglieder müssen unter anderem:

  • eine jährliche Tüv-Prüfung machen und die Abschlussunterlagen an den Verband schicken;
  • erlauben, dass der Verband prüft, ob Mängel beseitigt worden sind;
  • eine tägliche Routineuntersuchung machen, sie protokollieren und die Unterlagen an den Verband schicken.

„Wer das macht, bekommt von uns ein Zertifikat.“ Das soll den Besuchern zeigen, dass es sich um eine kontrollierte Spielplatz-Anlage handelt. „Derzeit ist das die einzige Möglichkeit für uns, für mehr Sicherheit zu sorgen“, sagt Hähnel. Immerhin rund ein Drittel der Indoor-Spielplätze sind Mitglied im Verband. Das heißt, rund 100 der circa 350 Anlagen in Deutschland durchlaufen regelmäßig diese Prüfungen. (Welche Indoor-Spielplätze in NRW das Zertifikat des VDH haben, sehen Sie hier.)

Obwohl diese Anlagen jedes Jahr rund 16 Millionen Besucher haben, und vor allem Kinder die Geräte benutzen, sehen sich die Städte bislang in keiner Verantwortung. Anfragen unserer Redaktion in Neuss und in Duisburg ergaben, dass auch die Bauämter nur vor der Eröffnung in die Hallen gucken, danach jedoch nicht mehr. Das Stichwort ist auch hier „Betreiberhaftung“.

Immerhin ergaben Analysen des VDH von 73 Mitglieder-Anlagen zwischen 2013 und 2017, dass in diesem Zeitraum auf 455.747 Besucher ein Unfall gemeldet wurde und dass es sich bei diesen Unfällen häufig auch um Eltern und Großeltern handelte, die mit den Kleinen auf die Anlagen gegangen waren.

Der Tüv rät Eltern deshalb: Man sollte sich da auf sein Bauchgefühl verlassen und augenscheinliche Mängel ernst nehmen. Kleine Macken und Kratzer könne es immer geben, aber bei losen Schrauben sollte man den Betreiber ansprechen - und eventuell das Kind vom Spielen in der Anlage abhalten.