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Interview mit Alexander Carius von der Initiative Offene Gesellschaft

Berlin. „Wenn die Demokratie hier kippt, kippt Europa“: Der Mitbegründer der Initiative Offene Gesellschaft spricht über den Einsatz in Deutschland. Brexit und Trump rütteln viele Menschen wach. Werner Kolhoff

15 Mitarbeiter der Initiative Offene Gesellschaft wuseln in einem Berliner Gewerbehof herum. Seit Ende 2015 hat die Gruppe bundesweit 260 Veranstaltungen organisiert, für Freiheit und Demokratie in Deutschland. Mit Initiator Alexander Carius sprach unser Berliner Korrespondent Werner Kolhoff.

Wann kam bei Ihnen das Bewusstsein, dass man für eine offene Gesellschaft kämpfen muss?

Alexander Carius Im Herbst 2015. Es gab eine zunehmend hysterische Debatte wegen der Flüchtlinge. Aber auch viel bürgerschaftliches Engagement. Wir saßen mit Freunden zusammen und fragten uns: Was machen wir eigentlich in dieser Situation?

Was ist Ihr Fazit nach eineinhalb Jahren: Ist die demokratische Basis in Deutschland stark, oder wird sie schwächer?

Carius Sie ist stark und sie wächst sogar. Das zeigt das zunehmende Politikinteresse von Jugendlichen, das zeigte sich in der Flüchtlingskrise, als acht Millionen Menschen ehrenamtlich halfen. Das zeigt sich auch bei uns. Wir bekommen jeden Tag zahlreiche Anfragen von Leuten und Gruppen, die etwas tun wollen. Viele sagen, sie begreifen, dass man für die Demokratie aktiv eintreten muss, um sie zu verteidigen.

Haben Brexit und Trump da auch geholfen?

Carius Ja, ganz eindeutig. Die Anzahl der bei uns engagierten "Freunde" ist seit dem Brexit und seit der Wahl Trumps stark gestiegen. Jetzt sind es über 4500. Die Leute begreifen, dass selbst in demokratischen Gesellschaften unglaubliche Brüche möglich sind und Demokratiefeinde ans Ruder gelangen können.

Viele Politikverdrossene gehen jetzt wieder zur Wahl, weil sie mit der AfD eine Proteststimme abgeben können. Hat also die AfD auch Verdienste um die Demokratie?

Carius Nein, die AfD ist ein Feind der Demokratie. Als es in Sachsen-Anhalt im vergangenen Jahr über 20 Prozent für die AfD gab, war das ein heilsamer Schock für uns alle. Es gab ein Wachrütteln bei den demokratischen Wählern wie bei den demokratischen Parteien.

Warum schaffen es Initiativen wie Ihre, Menschen für die Demokratie zu mobilisieren, wieso nicht die etablierten Parteien?
Carius Den Parteien fehlten die Sensoren, stattdessen imitierten sie die AfD. Wir zeigen, dass man keinen großen Apparat braucht, um etwas zu bewegen, und auch keine enge Ideologie, um sich zu engagieren. Die Eintrittsschwelle bei uns ist sehr niedrig. Das spricht die Leute an.

Sind die Leute genauso bereit, sich für ein offenes Europa zu engagieren?
Carius Wenn man den Erfolg von Pulse of Europa sieht, könnte man das vermuten. Ich habe da aber meine Zweifel. Die Idee Europas ist nicht so manifest, wie sie mal war.

An welchem Punkt würden Sie sagen: Wir haben unser Ziel erreicht und können aufhören mit unserer Aktion?

Carius Wenn die Parteien den Menschen ansprechendere Formen der politischen Kommunikation anbieten. Und wenn die Mehrheit der Bürger erkennt, dass man für Freiheit und Demokratie immer wieder aktiv eintreten muss. Deutschland ist ein Swing-State in der Europäischen Union. Wenn die Demokratie hier kippt, kippt Europa. Und wenn sie hier stabil ist, strahlt das ebenso aus. Uns geht die Arbeit also so bald nicht aus.

Werner Kolhoff
Zur Person

Mitbegründer der Offenen Gesellschaft

Alexander Carius (52) ist Vorstand und Mitbegründer der Initiative Offene Gesellschaft. Der Politikwissenschaftler ist zudem Gründer und Geschäftsführer des Forschungs- und Beratungsinstituts adelphi. Schwerpunkte seiner Forschungs- und Beratungstätigkeit sind die Bereiche Ressourcen, Klima, Energie sowie Entwicklung und Sicherheit.