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Interview mit Nahost-Experte Michael Lüders: "Die Folgen des Syrienkriegs trägt Europa"

Interview mit Nahost-Experte Michael Lüders: "Die Folgen des Syrienkriegs trägt Europa"

Der Nahost-Experte sagt im TV-Interview, welche Lehren der Westen aus einem nicht enden wollenden Konflikt ziehen sollte.

In kaum einer Region brodelt es derzeit mehr als im Nahen Osten. Allein der seit mittlerweile sechs Jahren andauernde Bürgerkrieg in Syrien hat bereits weit über 400.000 Menschenleben gefordert. Und ein Ende des blutigen Gemetzels sei nicht in Sicht, sagt der Islamwissenschaftler Michael Lüders im Gespräch mit Volksfreund-Redakteur Rolf Seydewitz.

Eine knappe Mehrheit hat am Wochenende für eine Verfassungsänderung in der Türkei und damit eine noch stärkere Stellung von Präsident Erdogan gestimmt. Wie bewerten Sie das Ergebnis?

LÜDERS Das Ergebnis bedeutet, dass jetzt nahezu die gesamte politische Macht in den Händen von Erdogan liegt. Für Menschen, die nicht auf Erdogans Linie beziehungsweise auf der der Regierungspartei AKP sind, gibt es kaum noch Möglichkeiten der demokratischen Einflussnahme. Das letzte Wort hat der Präsident. Die gesellschaftlichen und politischen Spannungen dürften somit zunehmen. Auch die Gewalt wird sich verstetigen.

Worauf müssen sich Europa und insbesondere Deutschland jetzt einstellen?

LÜDERS Auf jeden Fall auf Schwierigkeiten im Dialog miteinander. Die meisten Deutschen können nicht nachvollziehen, warum etwa die in Deutschland lebenden Türken zu über 60 Prozent für Erdogan gestimmt haben. Das hat verschiedene Ursachen; sicherlich auch das Gefühl, in Deutschland als Minderheit nicht richtig angenommen zu werden. Und viele Deutschtürken sind noch eher in der Türkei verortet als in Deutschland.

Bedeutet Erdogans Sieg beim Referendum das Aus für den EU-Beitritt der Türkei?

LÜDERS Die Beitrittsverhandlungen mit der EU dürften sich weitgehend erledigt haben. Man muss dazu aber auch sagen, dass sie nicht wirklich ehrlich geführt worden sind. Erdogan war zu Beginn seiner Amtszeit durchaus gewillt, mit der Europäischen Union Kompromisse einzugehen. Aber er hat natürlich irgendwann verstanden, dass vor allem von den deutschen und französischen Konservativen ein starker Gegenwind aufkam. Nach Meinung der Türken lag das weniger an Defiziten im eigenen Land, als an der Tatsache, dass die Türkei ein islamisches Land ist. Zwar ist die Europäische Union noch der wichtigste Handelspartner, aber Erdogan orientiert sich bereits vermehrt in Richtung Fernost, Russland, China.

Was bedeutet das für die Nato-Mitgliedschaft der Türkei?

LÜDERS Die wird erhalten bleiben, sofern Erdogan sie nicht aufkündigt. Das wird er erst einmal nicht tun, weil er viel zu verlieren hat. Aber Erdogan wird die Forderungen an die Nato hochschrauben. Seine politische Orientierung Richtung Russland und China dient bereits dazu, den Druck auf Nato und EU zu erhöhen. Er erwartet Zugeständnisse statt Kritik.

Hat Deutschland in der Vergangenheit zu viel Rücksicht auf den Nato-Partner Türkei genommen?

LÜDERS Die deutsche Flüchtlingspolitik hat erst zu spät eingesetzt. Man hat auf andere Länder wie Italien vertraut und das Thema vertagt, bis die Flüchtlinge 2015 vor der Tür standen. Und dann hat man vor allem auf Erdogan gesetzt, damit er die Flüchtlingsroute über den Balkan schließt. Das hat er ja auch getan. Aber natürlich hat sich Deutschland damit in Abhängigkeit begeben.

Bleiben wir noch kurz bei der Türkei: Sie haben der Regierung in Ankara in der Vergangenheit vorgeworfen, sich nur halbherzig im Kampf gegen den IS zu engagieren. Worauf stützen Sie diese Aussagen?

LÜDERS Der türkische Geheimdienst MIT soll über gute Kontakte zu verschiedenen islamistischen Gruppierungen verfügen. Bis Mitte 2015 konnten IS-Sympathisanten nahezu unbehelligt über die Türkei weiterreisen. Es gab Rekrutierungsbüros in Istanbul und anderswo. Man hat jedenfalls zu wenig getan, um den Islamischen Staat und andere Dschihadisten zu bekämpfen.

Am vergangenen Wochenende hat der Anschlag auf einen Bus mit syrischen Flüchtlingen für weltweite Empörung gesorgt. Haben Sie eine Vermutung, wer dahinter stecken und was die Motive sein könnte?

LÜDERS Man muss bei allem, was in Syrien passiert, sehr vorsichtig mit voreiligen Schlussfolgerungen sein. Bei diesem Terroranschlag waren Flüchtlinge betroffen, die aus Gebieten unter Kontrolle des Assad-Regimes kamen. Wir wissen nicht, wer hinter dem Anschlag steckt. Aber es ist wenig wahrscheinlich, dass das Assad-Regime Drahtzieher war.

Bei einem Giftgasangriff im Jahr 2013 waren Sie skeptisch, ob wirklich das Assad-Regime dahinter steckt. Wie bewerten Sie den Giftgasangriff von Anfang April?

LÜDERS Die Hintergründe des Giftgasangriffs auf Chan Scheichun sind bislang nicht bekannt, weil es keine Untersuchung durch eine unabhängige Kommission gegeben hat. Viele Indizien sprechen dafür, dass das Assad-Regime verantwortlich ist. Aber ich mahne dennoch zur Vorsicht, in einigen Monaten kann die "Beweislage" eine andere sein.

In Ihrem neuen Buch beschäftigen Sie sich intensiv mit dem Syrien-Krieg. Ihre These: Der Westen hat das Land ins Chaos gestürzt. Können Sie in aller Kürze sagen warum?

LÜDERS Der westliche Diskurs in Sachen Syrien-Krieg läuft in erster Linie darauf hinaus, die Schuld für die Eskalation der Krise und die Massenflucht fast ausschließlich beim Assad-Regime und seinen Verbündeten in Russland und dem Iran zu verorten. Natürlich tragen diese Länder die Hauptverantwortung für das, was in Syrien passiert.

Aber es gibt auch noch eine andere Seite der Geschichte, die in der Regel nicht dargestellt wird. Das fängt an beim ersten Militärputsch, den der amerikanische Geheimdienst CIA 1949 in Syrien durchgeführt hat. Hintergrund war, dass die damalige Regierung in Damaskus dem Bau einer transarabischen Öl-Pipeline nicht zugestimmt hat. Nach dem Putsch hat die nächste Regierung den entsprechenden Vertrag dann unterschrieben. Zwei weitere Putschversuche Washingtons in Syrien gab es in den 1950er Jahren, daher die enge Anbindung von Damaskus an Moskau. Bereits kurz nach Beginn der Unruhen in Syrien 2011 hat es erste Waffenlieferungen an die Aufständischen gegeben, zunächst aus Libyen, dann aus verschiedenen Ländern über die Türkei. Ein wichtiger Drahtzieher dabei war die CIA. Den meisten Aufständischen geht es nicht um Demokratie, in ihrer großen Mehrheit stammen sie aus dem Umfeld von Al- Kaida und seinen syrischen Ablegern.

Wie wird sich der Konflikt in Syrien Ihrer Einschätzung nach entwickeln?

LÜDERS Der Konflikt in Syrien ist derzeit unberechenbar, weil wir hier einen Stellvertreterkrieg haben. Es ist ja nicht alleine eine innersyrische Angelegenheit, sondern die USA, die EU, die Türkei und die Golfstaaten würden das Assad-Regime lieber heute als morgen gestürzt sehen, um so Russland und den Iran zu schwächen, die beiden engsten Verbündeten Syriens. Das Land ist für Russland und den Iran der einzige Brückenkopf in die arabische Welt, deshalb werden sie Assad nicht fallenlassen, egal welche Verbrechen ihm auch immer angelastet werden. Von daher ist die Reaktion der USA auf den Giftgasangriff nicht ungefährlich. Sollten die USA sich dort weiter militärisch engagieren, besteht die Gefahr, dass es auf oder über syrischem Terrain zu Kampfhandlungen zwischen Russland und den USA kommt.

Welche Lehren sollte der Westen, Deutschland, aus dem Krieg in Syrien ziehen?

LÜDERS Es gibt keine einfachen Lösungen. Und Vorsicht vor Schwarz-Weiß-Betrachtungen. Es lohnt sich, auf die Grautöne zu achten. Und: Die Interessen Deutschlands und Europas in dieser Krise sind nicht notwendigerweise deckungsgleich mit denen der USA. Die Folgen des Stellvertreterkrieges, also die Massenflucht und mehr islamistische Terroranschläge, haben wir in Europa zu tragen, nicht die Amerikaner.

Blicken wir abschließend noch kurz auf Ihre Gastprofessur in Trier voraus: Worüber werden Sie zum Auftakt am Montag dozieren?

LÜDERS Ich werde versuchen, den Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart zu spannen und zu erklären, wie sich die zurückliegende Einmischung von außen auf die heutigen Konflikte im Nahen Osten ausgewirkt beziehungsweise diese Konflikte erst verursacht hat. Das Ergebnis sind zerfallende Staaten und die zunehmende Instabilität der arabisch-islamischen Welt. Rolf SeydewitzZur Person

Nahost-Experte auf den Spuren Scholl-Latours

Michael Lüders (57) lebt als Politik- und Wirtschaftsberater, Publizist und Autor in Berlin. Der gebürtige Bremer studierte in Berlin und Damaskus und promovierte über das ägyptische Kino.
Der Nahost-Experte ist als Nachfolger von Peter Scholl-Latour Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft.Info

Drei Vorlesungen und ein neues Buch

Der Islamwissenschaftler Michael Lüders hält auf Einladung des Freundeskreises der Trierer Universität im Sommersemester drei Vorlesungen als Gastprofessor. Auftakt ist am Montag, 24. April, 18 Uhr. Lüders Vorlesung ist überschrieben mit dem Titel "Fluch der bösen Tat: Vom Sturz Mossadeghs im Iran 1953 bis zum Einmarsch in den Irak 2003". Am Montag, 12. Juni, 18. Uhr, geht es darum, "wie Washington seit 1949 regime change in Damaskus betreibt", Die letzte Vorlesung in der Reihe ist am Montag, 10. Juli, 18 Uhr. Dabei geht es um das Thema Flüchtlinge und Terror.

Alle Lüders-Vorlesungen sind im Hörsaal vier (C-Gebäude) und öffentlich. Pünktlich zum Start der Gastprofessur von Michael Lüders an der Universität Trier ist ein neues Buch des Nahost-Experten erschienen: "Die den Sturm ernten", Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte; Beck-Verlag, 14,95 Euro.