Irgendwann den Absprung verpasst

Irgendwann den Absprung verpasst

Geldnot und Selbstüberschätzung: Das waren die Motive für eine Serie von Überfällen in den 90er Jahren in der Region. Ein 46-jähriger bereits verurteilter Österreicher wurde gestern für acht Überfälle, die er erst später gestanden hatte, vom Landgericht verurteilt.

Trier. Sieht so ein brutaler Bankräuber aus? Jemand, der wie in einem Krimi Menschen eine Pistole an den Kopf gehalten hat, eine Mutter mit zwei Kindern als Geiseln nimmt? Die Taten, die Staatsanwalt Sebastian Jakobs 20 Minuten lang vorliest, passen so gar nicht zu dem Äußeren des blassen 46-Jährigen, der neben seinem Anwalt Paul Greinert auf der Anklagebank des Saals 70 im Trierer Landgericht sitzt: grauer Anzug, grau gemusterte Krawatte, weißes Hemd, schwarze Schuhe. Wer weiß, wäre Alfred M. 1989 nicht nach Trier gekommen, wo er eine Kneipe am Rande der Fußgängerzone eröffnete, wäre vielleicht sein Leben anders verlaufen. Denn bis 1993 deutete bei dem Klagenfurter nichts darauf hin, dass er zum Schwerkriminellen werden würde. Trotz Kindheit im Heim, sexuellen Missbrauchs - Stationen des Lebens, die dem blassen, schmalen Mann peinlich sind. Die Erlebnisse sollten nicht als Entschuldigung für seine spätere kriminelle Karriere herhalten, sagt er. Nach dem Hauptschulabschluss macht er eine Ausbildung zum Hotelkaufmann, heiratet, bekommt eine Tochter, die später bei einem Unfall ums Leben kommt. Nach der Scheidung lernt er seine jetzige Lebensgefährtin kennen, geht mit ihr nach Trier, hat mit ihr eine Tochter. Sie arbeitet in einem Modegeschäft. Inhaber ist das Ehepaar, das ihr Freund vier Jahre später überfallen und um 50 000 Mark erpressen wird. Geld in den Sand gesetzt

Nachdem er die Kneipe hat dichtmachen müssen, gründet M. eine Investmentfirma in Luxemburg. Schon bald setzt er sein Geld und das seiner Kunden in den Sand, 100 000 Mark Schulden. Am 3. Dezember 1993 wird er zum Schwerkriminellen. M. klingelt mittags bei dem Ehepaar W. in Trier, sagt er wolle ein Paket bringen. Er weiß von seiner Freundin, dass W. vor kurzem sein Geschäft verkauft hat, und glaubt daher, dass bei ihm etwas zu holen ist. Die Frau muss zur Sparkasse fahren, das Geld holen, der Mann wird mit der Pistole am Kopf bedroht. "So etwas vergisst man sein ganzes Leben nicht", sagt W., der sich noch heute an jede Einzelheit des Dezembertags erinnern kann. Mit der Beute flieht M. nur ein paar Häuser weiter, in die Wohnung seiner Freundin. Er zockt weiter mit dem Geld, die Schulden werden immer größer. Er habe sich überschätzt und den Absprung verpasst, sagt M. und meint damit seine dubiosen Geschäfte. Vielleicht auch seine kriminelle Karriere: 1997 Banküberfall in der Trierer Fußgängerzone, Beute: 800 000 Mark. 1998 schlägt er in Trier und zweimal in Saarlouis zu, fast eine Million Mark erbeutet er. 1999 gehen drei Überfälle in Konz und in Waldrach (Trier-Saarburg) auf sein Konto, ein Jahr später erneut ein Überfall auf die Waldracher Volksbank. Kurz darauf, nach einer spektakulären Flucht mit Geiselnahme, wird er geschnappt, gesteht die Überfälle in Waldrach. Drei Millionen Mark hat er in sieben Jahren erbeutet. Doch erst nachdem er 2000 für die beiden Waldracher Überfälle zu neun Jahren Haft verurteilt worden ist, wird M. reumütig, gesteht die anderen Taten. 2003 wird er angeklagt, erst fünf Jahre später wird ihm erneut der Prozess gemacht - wegen Überlastung des Gerichts. 15 Jahre lautet die Gesamtstrafe, die acht Jahre, die er schon verbüßt hat, werden ihm angerechnet, genau wie die "überlange" Wartezeit (Jakobs) auf den Prozess.

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