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"Jeder schießt auf jeden" - Syrische Familie findet in Trier erste Zuflucht

"Jeder schießt auf jeden" - Syrische Familie findet in Trier erste Zuflucht

Vor Menschenrechtsverletzungen und Bürgerkrieg versuchen sich derzeit die Menschen in Syrien in Sicherheit zu bringen. Und so mancher Flüchtling strandet schließlich in Trier in der Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende.

"Ich habe es für meine Kinder getan" sagt David Fridon, während sich seine beiden zwei und drei Jahre alten Söhne David und André die Zeit in der kargen Unterkunft so gut es geht mit Spielen vertreiben. Zusammen mit seiner Frau Hermes Ninwe und seinen Kindern war der Syrer bis vor kurzem in der Aufnahmestelle für Asylbegehrende (Afa) in der Trierer Dasbachstraße. Kurz nach unserem Gespräch wurde die Familie getrennt an zwei anderen Orten in Rheinland-Pfalz untergebracht - bis zur Entscheidung über ihren Antrag.Als die Bürgerkriegskämpfe in der Umgebung seines Heimatortes Tal Tamr in der Provinz al-Hasaka im Nordosten Syriens und im ganzen Land immer heftiger wurden, fassten Fridon und Ninwe den Entschluss, das Land zu verlassen - zumindest vorläufig. "Wir würden nach Syrien zurückkehren, wenn der Bürgerkrieg aufhören würde", sagt Fridon. Vorläufiges Bleiberecht: Der 40-Jährige hat in Bayern fünf Brüder, die dort schon länger leben - für Fridons Familie der Rettungsanker. Sie verließen Syrien, reisten in den Libanon und beantragten dort bei der deutschen Botschaft in Beirut ein Visum für einen Besuch von Fridons Brüdern in Deutschland. Wie die übrigen mehr als 50 Syrer, die sich derzeit in Trier-Nord wiederfinden, haben er und seine Familie Abschiebeschutz und ein vorläufiges Bleiberecht, erklärt Wolfgang Bauer, Leiter der Afa - so lange, wie in Syrien Bürgerkrieg herrscht. Streubomben und "Säuberungen": Aber der Krieg scheint kein Ende zu nehmen. Was im Zuge des "Arabischen Frühlings" mit Demonstrationen gegen das autoritäre Regime von Bashar al-Assad begann, mündete schließlich in einem blutigen Bürgerkrieg. "Jeder schießt auf jeden", sagt Fridon. Assads Armee schießt auf wehrlose Zivilisten, seine Luftwaffe bombardiert Städ t e, in denen Widerstandskämpfer vermutet werden. Besonders perfide ist der Einsatz von Streumunition. Nach Augenzeugenberichten und Videos wurden solche Bomben, die nicht immer direkt explodieren, über einem Spielplatz bei Damaskus abgeworfen. Elf Kinder starben. Aber auch der bewaffneten Oppositionsgruppe Freie Syrische Armee (FSA), werden etwa von Human Rights Watch Menschenrechtsverletzungen wie Exekutionen von Regierungssoldaten und ethnische Säuberungen gegen Christen in Homs vorgeworfen.
Religionen und Ethnien: "Es geht um Religion und Land", meint David Fridon. Er und seine Familie sind Christen und damit in der Minderheit. Rund acht Prozent der Syrer sind Christen, während rund 70 Prozent sunnitische Muslime sind. Die Christen fühlen sich zunehmend in Bedrängnis, zumal ihnen aus früheren Zeiten immer noch viel Grundbesitz gehört. Oft gebe es deswegen teils tödlichen Streit.
Er berichtet, dass immer wieder Ingenieure und Ärzte, oft Christen, entführt würden. Von wem, kann er nicht sagen. Aber er weiß, dass die Entführer umgerechnet 50.000 Euro Lösegeld verlangen. Noch komplizierter wird die Situation in Syrien durch die ethnische Vielfalt. Neben Arabern, Assyrern und Turkmenen gibt es etwa noch die Kurden, die in Fridons Heimat in Grenznähe zur Türkei dominieren und dort das Sagen haben. Doch auch sie, so Fridon, seien gespalten: Die einen kämpften gegen die Regierung, die anderen gegen die Opposition.
"Ihr Haus oder Ihr Leben": Fridon hatte sich in Tal Tamr eine Existenz als Agraringenieur im Getreideanbau aufgebaut. Im zunehmend umkämpften Aleppo war er an der Universität gerade dabei, einen Meistertitel abzuschließen, als dies wegen Bombardements unmöglich wurde. Nun hat er Land und Haus zurückgelassen. "Ihr Haus oder Ihr Leben - was würden Sie wählen?", fragt Fridon. Noch leben seine Eltern in seinem Haus. Doch auch sie warten auf eine Gelegenheit zur Flucht. Extra: Syrienkrieg

Bis zu 40.000 Menschen sind nach Uno-Angaben im Syrienkrieg bereits ums Leben gekommen. Bis Anfang 2013 werde die Zahl der Flüchtlinge auf 700.000 steigen. Durch den Winter spitzt sich die Lage zu. Die Hilfsorganisationen sind auf weitere finanzielle Unterstützung angewiesen.
Meine Hilfe zählt


Mit dem Meine-Hilfe-zählt-Projekt Hilfe für Christen in Homs/Syrien (Projekt-Nr. 10745) unterstützt die IGFM-Gruppe Wittlich Christen in Syrien, die ohne eigenes Zutun in die Mühle des Bürgerkriegs geraten sind. Im zerstörten Homs bietet ein von Jesuiten betriebenes Landwirtschaftsprojekt obdachlos Gewordenen die nötigste Hilfe an. Für 250 Menschen ist dies die letzte Hoffnung. Spenden können Sie per Banküberweisung an "Meine Hilfe zählt". Konto 220012 bei der Sparkasse Trier (BLZ 58550130) oder Konto 191919 bei der Volksbank Trier (BLZ 58560103). Im Verwendungszweck bitte nicht vergessen, die Projektnummer 10745 anzugeben. Direkte Online-Spenden sind auch unter volksfreund.de/meinehilfe möglich.

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