1. Nachrichten
  2. Themen des Tages

Job entscheidet über soziale Teilhabe

Job entscheidet über soziale Teilhabe

Niedriglohnsektor, Leiharbeit und befristete Beschäftigung - in den vorigen zehn bis 15 Jahren hat sich die deutsche Arbeitswelt dramatisch verändert. Trotzdem ist das Normalarbeitsverhältnis, also eine unbefristete Vollzeitstelle, immer noch die Regel.

Nürnberg. (vet) Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat in einer Studie den deutschen Arbeitsmarkt unter die Lupe genommen. Die wichtigsten Ergebnisse:

Wie ist der Arbeitsmarkt strukturiert?

Der Arbeitsmarkt ist praktisch eine Drei-Klassen-Gesellschaft. Zu den Privilegierten zählen die Festangestellten in Vollzeit. Das sind 60 Prozent aller Beschäftigten. Weitere 30 Prozent arbeiten in Teilzeit. Jeder Fünfte davon tut das laut IAB aber eher unfreiwillig, etwa weil kein Vollzeitjob zur Verfügung steht oder ein fehlender Kita-Platz keinen Ganztagsjob zulässt. Der Rest sind Selbständige, vor allem Ein-Mann-Unternehmen, sowie Leiharbeiter.

Wie steht es um die Beschäftigungsdauer?

Die durchschnittliche Beschäftigungsdauer ist mit 10,8 Jahren in einem Betrieb seit 1992 nahezu unverändert geblieben. Allerdings wächst die Zahl der befristeten Jobs. Inzwischen fällt darunter fast jede zweite Neueinstellung.

Wie ist die Lage in der Leiharbeit?

Eher prekär. Mehr als die Hälfte aller Beschäftigungsverhältnisse endet innerhalb von drei Monaten. Nur etwa jeder zehnte Beschäftigte kommt über Leiharbeit zu einem regulären Job ("Klebeeffekt"). Im Schnitt liegt die Entlohnung um 20 Prozent unter dem Salär vergleichbarer Stammbeschäftigter. Entsprechend benachteiligt fühlen sich die Betroffenen auch in der Gesellschaft. In einer Sonderauswertung kommt das IAB zu dem Schluss, dass stabile Erwerbsarbeit eine Schlüsselbedeutung für gelungene soziale Integration hat. Die Chance, in eine unbefristete Beschäftigung zu wechseln, steige allerdings mit zunehmendem Qualifikationsniveau.

Wird das Normalarbeitsverhältnis zum Auslaufmodell?

Nein, sagt IAB-Vizedirektor Ulrich Walwei und führt drei Gründe ins Feld. Zum einen hat sich auch der unbefristete Vollzeitjob in den vergangenen Jahren gewandelt. Tarifverträge enthalten zunehmend flexible Arbeitszeit- und Lohnregelungen, um dem Auf und Ab der Konjunktur gerecht zu werden. Zweitens wird der Fachkräftemangel dazu führen, dass qualifizierte Kräfte von den Unternehmen stärker umworben werden. Und zum Dritten kann die Politik den Arbeitsmarkt beeinflussen, zum Beispiel mit dem Aufbau einer umfassenden Kinderbetreuung. Extra Die Meinung der Gewerkschaften: Roland Wölfl (IG Metall Trier) sieht in der Spaltung am Arbeitsmarkt ein Problem. "Viele junge Menschen werden von Praktikum zu Praktikum geschickt oder bekommen befristete Verträge. Familienplanung? Keine Chance." Vor allem Frauen blieben in Teilzeit- und Minijobs stecken. "Das bedeutet später: Altersarmut ist Frauenarmut." DGB-Chef Christian Z. Schmitz: "Geringfügige Beschäftigung ist nicht nur ein Problem von Unqualifizierten." An Hochschulen müssten sich viele wissenschaftliche Mitarbeiter lange mit Minijobs durchhangeln. (hw)