Joschka, der letzte Rocker

BEI ALL dem Koalitionsgeplapper kann es schon einmal passieren, dass man nicht weiß, wo einem der Kopf steht. Angela Merkel erging es anscheinend in der Nacht zum Dienstag so. Da bekam die CDU-Vorsitzende nämlich unerwarteten Besuch: Mehrere Polizisten standen plötzlich kurz nach Mitternacht in ihrer Wohnung in Berlin-Mitte.

Den Ordnungshütern war bei ihrer obligatorischen Streife am Merkel-Domizil aufgefallen, dass die Tür des Mehrfamilienhauses offen stand. Und als sie den Hausflur betraten, stellten sie fest, dass auch die Tür zu den Privaträumen Merkels geöffnet war. Also hastig rein in die Wohnung - wo sie Merkel dann wohlauf am Küchentisch fanden. Die Kanzlerkandidatin, hieß es später, hatte bei ihrer Heimkehr mehrere Gegenstände in ihren Händen und deshalb die Türen nur locker zurück schwingen lassen. VERSCHWIEGENE Leibwächter sind ja ohnehin das A und O im Politikerleben. Am Donnerstag standen zwei dieser Muskelprotze auf einem Balkon der parlamentarischen Gesellschaft, wo das Sondierungsgespräch zwischen Union und SPD stattfinden sollten. Es war kurz vor Beginn des Treffens. "Ist Schröder schon da?" rief jemand den Bodyguards zu. Der eine nickte, der andere schüttelt den Kopf. Schweigend verwirren, noch besser. ACH JOSCHKA, wie man deine Sprüche in den Debatten des Bundestages vermissen wird. Niemand weiß das besser als der Joschka Fischer selbst. "Ich war einer der letzten Live-Rock'n'Roller der deutschen Politik. Jetzt kommt in allen Parteien die Playback-Generation", rühmte er sich am Freitag in einem Interview. Stimmt, es war oft richtig groovy und funky wenn der Joschka am Rednerpult stand. Wer sich übrigens selbst als Rock'n'Roller bezeichnet, der hat Probleme mit dem Älterwerden. Nur so nebenbei. WER GERHARD Schröder kennt, der weiß, dass der Kanzler gerne mit dem kokettiert, was schief gelaufen ist. Das bringt zumindest Pluspunkte und Lacher bei den Zuhörern. Am Donnerstag war es wieder so weit: Zunächst hatte Schröder nach dem Sondierungsgespräch mit der Union grinsend eingeräumt, dass sein missglückter Fernsehauftritt am Wahlabend "suboptimal" gewesen sei. Am Abend dann hörte er fasziniert bei der Eröffnung der Werkschau des mit ihm eng befreundeten Malers Jörg Immendorf in der Berliner Nationalgalerie einer Rede zu. Mit emphatischen Satzgirlanden sezierte Museums-Generaldirektor Klaus-Peter Schuster Immendorfs Kunst. "Lieber Herr Schuster", witzelte Schröder danach, " können Sie mich nicht in der nächsten Fernseh-Diskussion vertreten?" Dann werde es vielleicht "etwas weniger krawallig". Hagen Strauß