"Jüngere sollen nachwachsen"

HINZERATH. So individuell wie möglich und so nah wie nötig: Fünf Menschen wohnen in Hinzerath in ihrem eigenen Wohnprojekt für Senioren. Jeder hat seinen Freiraum und Anliegen, die gemeinsam gelöst werden.

Wenn der Zahn der Zeit nagt, dann hinterlässt er Spuren. Manchmal gehört der Zahn der Zeit zum Gebiss eines Holzwurmes, und Holzwürmer können hungrig sein. Am Tisch, der im Esszimmer von Bruni Kluss und Rüdiger Luckow steht, haben sich viele Würmer satt gefressen. Jetzt sind sie weg. Was dem Tisch durch die Würmer an Substanz genommen wurde, hat er an Charme gewonnen, doch abgerundet ist das Bild erst, wenn Bruni und Rüdiger an ihrem alten Tisch sitzen. So wie jetzt. Sie sitzen am Tisch, trinken Cappuccino und haben sich eine Lebensform gesucht, die Außenstehende als Wohngemeinschaft (WG) bezeichnen würden. "Wir sind keine WG, sondern ein Wohnprojekt", sagt Rüdiger. "So individuell wie möglich und so nah wie nötig", erklärt Bruni das Verhältnis zu ihren Mitbewohnern. Außer den beiden leben noch ein weiteres Paar und der 72-jährige Jörg Gliese in dem Haus. Alle unter einem Dach, doch in getrennten Wohnbereichen. Wer zu Bruni und Rüdiger will, muss durch die rechte Tür. Vor sieben Jahren haben sie sich in Norwegen kennengelernt, 2002 haben sie geheiratet. "Spätzünder", wie Bruni sagt, denn beide sind 65. Den größten Teil ihres Lebens sind sie eigene Wege gegangen, doch darüber, wo der nun gemeinsame auf keinen Fall enden soll, sind sich beide einig: im Altersheim."Beschäftigen uns mehr mit Leben als mit dem Tod"

Seine Mutter sei lange im Pflegeheim gewesen, sagt Rüdiger. "Das passiert Dir nicht", habe er sich geschworen, und seinen Kindern zur Last fallen, wollte er auch nicht. Was das bedeutet, weiß Bruni. "Wir haben lange Jahre meine Eltern gepflegt", sagt sie, "bis sie gestorben sind." Aus dieser Zeit sei der Wunsch entstanden, das eigene Senioren-Dasein anders zu gestalten. Beide haben bereits erwachsene Kinder. Was sagen sie zur Wohnform ihrer Eltern? Die fänden es gut, sagt Rüdiger, "auch wenn sie wissen, dass sie ihren Vater nicht beerben werden". Besitzen werden das Haus später Brunis Kinder, doch an dem Wohnprojekt selbst soll sich nichts ändern. Es sei alles geregelt, sagt Bruni. "Sie bekommen zwar das Haus, müssen aber dafür sorgen, dass es weiterhin so genutzt wird wie jetzt." "Ein Renditeprojekt ist es für uns nicht", sagt Vermieterin Bruni, es sei kostendeckend, "aber übrig bleibt nichts." Doch darum geht es dem Ehepaar nicht. "Es war für uns wichtig, dass wir die Menschen ausgesucht haben", meint Töpferin Bruni, und mit ihrem "ältesten Freund" Jörg und den beiden anderen Mitbewohnern, Evelyn und Dietmar Wünsch, sei die Zusammensetzung ideal. Die Wünschs sind beide um die 50 und somit die Jüngsten im Haus. "Jüngere sollen nachwachsen", begründet Bruni die Zusammensetzung des Wohnprojekts. Auch wenn die drei Parteien jetzt weitestgehend für sich leben, so ist für alle klar, dass sie bei Krankheit oder sonstigen Problemen dem dann Hilfebedürftigen zur Seite stehen. "Wir beschäftigen uns mehr mit dem Leben als mit Alter und Tod", sagt Bruni, doch auf das, was möglicherweise noch kommt, wollen sie vorbereitet sein. Erst kürzlich haben drei von ihnen einen Kurs zum Thema "Pflege von Demenzkranken" besucht. Bruni hat gerade einen vierwöchigen Yoga-Lehrer-Kurs hinter sich und möchte bald im Haus Yoga-Training anbieten. Yoga sei wichtig für sie, der Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung. Heute Morgen wurde sie dabei allerdings gestört, von einer der fünf Katzen. Die sind jetzt irgendwo draußen im Garten. So wie Jörg. Mit 45 hatte er einen Schlaganfall, saß lange Zeit im Rollstuhl und ist gerade dabei, das Winterholz zu spalten. "Wenn Jörg von uns spricht, dann sagt er immer: meine Familie", erzählt Rüdiger. "Er ist unser Computerfreak", meint Bruni, "und ein Bäcker vor dem Herrn." Demnächst wollen sie deshalb im Garten einen Lehmofen bauen. Einmal im Monat frühstücken alle zusammen und sprechen über Probleme. Die gebe es kaum. Das heißt, vor kurzem doch. Da ging es um Schnecken und die Anschaffung schneckenfressender Lauf-Enten. Es gab zwei Fraktionen und irgendwann die Info, dass die Tiere viel Platz brauchen. Der ist zwar da, soll aber anders genutzt werden. Deshalb: keine Lauf-Enten. "Ich war froh, dass wir das Argument noch gefunden haben", sagt Rüdiger und lacht.