Julia Klöckner: „Kramp-Karrenbauer ist keine Kopie“

Interview Julia Klöckner : „Kramp-Karrenbauer ist keine Kopie“

Was die rheinland-pfälzische CDU-Chefin über Merkel-Vergleiche und enttäuschte Merz-Wähler sagt.

In Hamburg sagte die CDU Tschüss zu Angela Merkel als CDU-Bundesvorsitzender. Was kommt unter Annegret Kramp-Karrenbauer auf die Union zu – und wie verschmerzen frustrierte Wähler von Friedrich Merz das Ergebnis? Dazu befragte TV-Redakteur Florian Schlecht die rheinland-pfälzische CDU-Chefin und Bundesvize Julia Klöckner.

Frau Klöckner, jetzt können Sie es ja zugeben: Hat sich Ihre Favoritin für den CDU-Chefsessel durchgesetzt?

JULIA KLÖCKNER Netter Versuch (lacht). Wir hatten drei unglaublich starke Kandidaten, so dass die ganze CDU gewonnen hat. Das war ein Musterbeispiel für eine innerparteiliche Demokratie. Und nach der Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauer haben Friedrich Merz und Jens Spahn eine unglaubliche Größe gezeigt, ihre Anhänger aufgerufen, sich hinter der neu gewählten Vorsitzenden zu versammeln. Eine gute Geste!

FDP-Landeschef Volker Wissing lästert, die CDU habe gezeigt, mehr Merkel als Merz zu sein. Hat er recht?

KLÖCKNER Das freie Votum der christdemokratischen Delegierten zu respektieren, würde von Größe zeugen. Mit Angela Merkel stellen wir seit über zwölf Jahren die Bundeskanzlerin. Mir ist kein FDP-Politiker bekannt, der das vorweisen kann. Und solch einen innerparteilichen demokratischen Wettbewerb wie in der CDU wünschen sich sicher viele Parteien.

Steht Annegret Kramp-Karrenbauer nicht für eine Fortsetzung der Ära Merkel in der CDU?

KLÖCKNER Jeder Mensch ist anders. Und weder Annegret Kramp-Karrenbauer noch Friedrich Merz sind eine Kopie von jemandem, sondern eigenständige Persönlichkeiten mit eigenen Biografien und Akzenten. Schauen Sie, Annegret Kramp-Karrenbauer war die erste weibliche Innenministerin in Deutschland, sie hat Erfahrungen in verschiedenen Ministerämtern gesammelt, war erfolgreiche Ministerpräsidentin im Saarland und hat gezeigt, dass sie sehr klar in der Migrations- und Asylpolitik ist. Das würde ich mir von der Ampelregierung in Rheinland-Pfalz wenigstens annähernd wünschen.

Was muss Kramp-Karrenbauer anders machen als die Kanzlerin?

KLÖCKNER Es ist ja kein Selbstzweck, einfach nur anders zu sein. Jede Zeit hat ihre eigenen Fragen und Antworten. Unsere neue Bundesvorsitzende wird die Partei anders aufstellen können, als es Angela Merkel als Bundeskanzlerin konnte. Annegret ist freier, CDU pur zu entwickeln und zu vermitteln. Es wäre gut, wenn es ihr gelänge, Friedrich Merz mit seinen Talenten und somit die unterschiedlichen Flügel unserer Volkspartei einzubinden.

Wird Friedrich Merz weiter eine Rolle in der CDU spielen?

KLÖCKNER Ja, das kann ich mir sehr gut vorstellen.

Grünen-Landeschefin Jutta Paulus wünscht Kramp-Karrenbauer ein gutes Händchen mit „jetzt sicher verärgerten alten Männern“. Schafft es die neue CDU-Chefin wirklich, die enttäuschten Merz-Wähler zu integrieren?

KLÖCKNER Ich weiß nicht, wieso sich die Grünen auf ältere Männer so abwertend einschießen, sonst wettern sie gegen Diskriminierung jeder Art – und tun es nun selbst. Im Übrigen gab es auch junge Frauen, die Friedrich Merz gewählt haben. Friedrich Merz und auch Jens Spahn haben Fairness gezeigt und nach der Wahl ihre Anhänger aufgefordert, unsere neue Bundesvorsitzende kraftvoll zu unterstützen.

Auch in Rheinland-Pfalz gab es Merz-Befürworter – wie Generalsekretär Christoph Gensch. Wie einen Sie als Landeschefin die Lager?

KLÖCKNER Man nennt das ganze Prozedere Demokratie: Menschen können und dürfen unterschiedlicher Meinung sein und können sich dennoch verstehen und ein gemeinsames Ziel haben. Es ist doch ein Hochfest und Musterbeispiel der innerparteilichen Demokratie gewesen, eine echte Auswahl zwischen drei so veritablen Kandidaten gehabt zu haben. Wir sind eine lebendige Volkspartei!

Sie glauben also nicht, dass sich mancher enttäuschte Merz-Wähler von der CDU abkehrt?

KLÖCKNER Wer wirklich konservative Werte hochhält, der respektiert auch den Ausgang von freien Wahlen, auch wenn sie knapp waren.

Was hat am Ende den Ausschlag für Kramp-Karrenbauer gegeben?

KLÖCKNER Das Ergebnis war ja sehr eng. Und was den entscheidenden Ausschlag gegeben hat, weiß man ja nie so genau. Möglicherweise, weil es zwei Kandidaten aus Nordrhein-Westfalen gegeben hat. Annegret Kramp-Karrenbauer hat eine sehr gute Rede gehalten – mit Spannungsbogen und Dramaturgie. Letztlich war es wohl ein Mix aus vielem: Inhalte und Auftreten. Gewinner sind am Ende aber wir alle in der CDU.

Paul Ziemiak ist neuer Generalsekretär. Was erwarten Sie von ihm?

KLÖCKNER Dass er die Sichtweise der jungen Generation einbringt – aber auch zum Beispiel den wirtschaftsliberalen Flügel im Blick hat. Seine Hauptaufgabe ist aber das Managen der Partei.

Startet er nach dem Ergebnis von 62,8 Prozent mit einer Hypothek?

KLÖCKNER Lassen wir ihn doch erst einmal loslegen und mit seiner Arbeit beginnen.

Wann wird Kramp-Karrenbauer Bundeskanzlerin?

KLÖCKNER Angela Merkel ist bis 2021 gewählt. Alles andere dann zu gegebener Zeit. Im Übrigen sollten wir demütig bleiben und nicht die Rechnung ohne den Wähler machen.

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