Kampf um die Seele

Vielfach Gold, genau elf Mal. Deutschland hat Platz eins im Medaillenspiegel erreicht. Das ist der schöne Schein dieses olympischen Winters. Doch von Turin 2006 werden nicht nur die Erfolge und leider auch nicht nur die sehr warmherzige und von Leidenschaft geprägte Atmosphäre sowie die Olympia so faszinierend machenden Emotionen übrig bleiben.

Die Winterspiele in Italien haben einen Trend verstärkt. Die Jugend der Welt trifft sich zu ihrem Leistungs-Wettstreit schon lange nicht mehr an einem Ort, weil sie es wegen der Dimensionen, die die Spiele sommers wie winters erreicht haben, auch schlichtweg nicht mehr kann. Aber so weit auseinander wie diesmal war die Jugend selten auseinanderdividiert. Drei olympische Dörfer und von Nationalverbänden angemietete Zusatzunterkünfte nahe der Wettkampfstätten sprechen eine deutliche Sprache. Es gab zwei Spiele: Jene auf Eis - meist abends in Turin - und jene auf Schnee - oft tagsüber in den rund 100 Kilometer entfernten Bergen entlang des Susa- und Chisone-Tals. Die Seele der Spiele geht so weiter verloren. Der Kommerz regiert. Die Olympischen Winterspiele 2006 waren vor allem ein Ereignis fürs Fernsehen. Über den Bildschirm flimmerte dank schwebender Kameras und formvollendet gewählter Bildausschnitte die heile, glitzernde Welt Olympias. Doch die Wirklichkeit sah oftmals anders aus. Baustellen, Matsch, Verkehrsprobleme, vor allem in der ersten Woche halbleere Tribünen. Der Olympia-Tourist, der vor Ort mit seiner Tröte oder Fahne die Sportler nach vorne peitscht, ist in der Hierarchie weiter nach unten gerutscht. Lange und beschwerliche Anfahrtswege, überfüllte Busse und hohe Ticketpreise machten ihm das Leben schwer. Damit sinkt aber auch die Wertschätzung für die Sportler, die zunächst einmal Bestätigung ihrer Leistungen vom Publikum bekommen. Die Seele der Spiele geht auch durch Doping verloren. Es klingt widersprüchlich: Von 1200 Dopingtests während der Spiele in Turin war nur einer positiv. Und dennoch bestimmte die Diskussion um die Manipulation der körperlichen Leistungskraft die Schlagzeilen. Weil der Beobachter angesichts von Hämoglobin-Werten, Schutzsperren, der Abreise von Sportlern und nicht nachweisbarem Blutdoping das Gefühl hat, dass die aktuellen Kontroll-Systeme nicht lückenlos Sünder an die Wasseroberfläche spülen können. Olympische Spiele können gerade in Zeiten, in denen in Teilen der Welt wieder Konturen eines aufkeimenden Kulturkampfs sichtbar werden, Strahlkraft für ein friedliches Miteinander ausüben. Das können sie aber nur, wenn sie sich ihre Seele peu à peu zurückerkämpfen. m.blahak@volksfreund.de