Kein Nachtreten

"Die rot-grünen Jahre, vom Kosovo bis zum 11. September": So lautet der Titel des ersten Bandes der politischen Memoiren, die der frühere grüne Außenminister Joschka Fischer gestern in Berlin vorgestellt hat.

Berlin. Altersweise blickt Joschka Fischer vom Cover, ein bisschen wie Harry Potters Schneeeule Hedwig. Augen, die schon viel gesehen haben, Mundwinkel, die sich manchen Spott verkneifen. Was er alles gesehen hat und sich nicht verkneift, das hat der nun auch schon auf die 60 zugehende Held der Grünen auf 433 Seiten niedergelegt und gestern in Berlin vorgestellt.Es ist kein Schlüsselloch-Roman aus den Gemächern der rot-grünen Regierung geworden, eher das historische Werk eines teilnehmenden Beobachters der Politik jener Zeit. Der ehemalige Außenminister verzichtet bei der Präsentation auf einen Laudator, das Ambiente ist so schlicht wie seine Eingangsbemerkungen: Dass er das Buch "vom ersten bis zum letzten Anschlag" selbst geschrieben habe, oft über dem Atlantik, wenn er zu seiner Gastprofessur in die USA flog. Dass er die Materialfülle unterschätzt habe und deshalb nicht rechtzeitig fertig wurde. Das Buch ist detailgenau und etwas für jene, die Geschichte aus Augenzeugensicht lieben. Man ist ganz nah dabei, bei "Madeleine" (Albright, der damaligen amerikanischen Außenministerin) und all den anderen Größen der Weltpolitik. Pathos bringt allenfalls der Verlag Kiepenheuer&Witsch in das Werk, der von "dramatischen" Stunden und "eindringlichen" Schilderungen des Autors spricht. Kein Wunder, 150 000 Start-Exemplare müssen erst einmal verkauft werden. Zusätzlich gibt es das Werk noch als CD, von Fischer selbst gesprochen. Apropos eindringliche Schilderung. Das liest sich etwa beim Rücktritt Oskar Lafontaines am 11. März 1999 so: "Ich bat daraufhin den Kanzler, dass er mir erlauben möge, mich auch zu den Konsequenzen für die SPD äußern zu dürfen, obwohl ich kein SPD-Mitglied sei. Meiner Meinung nach müsste die durch Oskar Lafontaine ausgelöste Führungskrise sofort und entschieden gelöst werden." Das ist Politiker-Sprache. In Wahrheit hat Fischer wohl gesagt: "Ist zwar euer Bier, aber ich meine: Gerd, Du musst das jetzt machen." Oder so ähnlich. Fischer joggt wieder, hat sich in Berlin-Grunewald häuslich niedergelassen, samt eigener Politik-Beratungsfirma im Keller, ist also im zivilen Dasein angekommen. Jetzt geht es an das Verfassen des zweiten Memoiren-Bandes, dazu schreibt er Kommentare. "Ich rücke euch näher auf die Pelle", sagt er zur zahlreich erschienenen Journalistenzunft. Zurück in die Politik? Nein, niemals. "Die Tür bleibt zu". Fischer weigert sich, die heutigen Akteure der Grünen zu bewerten, auch wenn er mit den früheren zermürbenden Auseinandersetzungen in seiner Partei um die Auslands-Einsätze noch immer hadert. Und zu Gerhard Schröders Engagement bei Gazprom hält er den Mund. Er will nicht nachtreten. Außer - ein Punkt fällt ihm dann doch ein: Schröders Satz, dass in der rot-grünen Koalition klar sein müsse, wer Koch (nämlich Schröder und die SPD) und wer Kellner sei (nämlich Fischer und die Grünen). Ihm sei damals nicht gleich ein schlagfertiges Gegenargument eingefallen, sondern erst jetzt, zehn Jahre später. Am Mittwochabend habe er nämlich Schröder getroffen und in dem Gespräch festgestellt, dass der Ex-Kanzler gar nicht kochen kann. "So einfach wäre der Konter gewesen".