Keine Chance? Na und!

Fast 300 Rheinland-Pfälzer wollen in den Bundestag. Nur jeder Zehnte wird es schaffen. Vielen Unterlegenen ist ihr Abschneiden egal.

Trier "Johannes … wer?" Wer sich nach dem Namen des Landesvorsitzenden der Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer, kurz V-Partei, erkundigt, wird wohl meist auf ratlose Gesichter treffen. Auch in der Region Trier. Dabei stammt Johannes Nicolay nicht nur von der Mosel, sondern der 45-Jährige betreibt in Zeltingen-Rachtig auch ein eigenes Hotel - übrigens in fünfter Generation. Seit einigen Monaten ist Nicolay nicht nur Hotelier, sondern zudem Politiker, auch wenn er sich selbst nie so bezeichnen würde. Dafür ist er noch nicht lange genug dabei und noch viel zu weit von den Parlamentariern in Berlin oder Mainz entfernt. Noch. Denn Johannes Nicolay ist nicht nur Landesvorsitzender der erst vor gut einem Jahr gegründeten V-Partei, sondern auch ihr rheinland-pfälzischer Spitzenkandidat bei der Bundestagswahl.
Die Chancen, dass dem Polit-Neuling auf Anhieb der Sprung ins Parlament gelingen wird, dürften überschaubar sein. Doch Nicolay ist das egal. "Auch die etablierten Parteien haben mal klein angefangen", hält er Skeptikern entgegen, "außerdem sind wir derzeit die am stärksten wachsende Partei in Deutschland."
Ähnlich wie Johannes Nicolay argumentiert auch Heide Weidemann aus dem unweit von Zeltingen-Rachtig gelegenen Erden. Die 75-Jährige kandidiert schon seit vielen Jahren für die ÖDP, ist bei der Bundestagswahl inzwischen sogar die älteste rheinland-pfälzische Bewerberin. Doch über die kommunale Ebene hinaus hielten sich die Wahlerfolge bislang in Grenzen. 0,3 Prozent fuhr die rheinland-pfälzische ÖDP bei der letzten Bundestagswahl ein, 0,4 Prozent bei der Landtagswahl im vergangenen Jahr. Käme die ÖDP in zwei Wochen auf 0,5 Prozent, wäre das für Heide Weidemann schon ein Erfolg. Weitermachen will die Polit-Seniorin aber allemal - "bis es klappt", wie sie schmunzelnd hinzufügt.
Heide Weidemanns und Johannes Nicolays Äußerungen wollen so gar nicht in das gerne in der Öffentlichkeit gehegte Vorurteil passen, wonach Politiker abgehoben, machtbesessen und auch noch raffgierig seien. Das mag daran liegen, dass beide noch meilenweit entfernt sind von den parlamentarischen Schaltzentralen, in die sie womöglich auch nie kommen werden. Ein Schicksal, das sie mit vielen anderen Kandidaten teilen. Von den 282 rheinland-pfälzischen Frauen und Männern, die am 24. September für den Bundestag kandidieren, werden am Ende nur etwa 30, also rund zehn Prozent, auch ein Mandat bekommen. Und die übrigen Bewerber? Die sind mit ihrem Abschneiden deshalb nicht zwangsläufig unzufrieden, wie der Koblenzer Rechtsanwalt Stephan Wefelscheid zu erkennen gibt. Wefelscheid kandidiert im Wahlkreis Trier für die Freien Wähler, steht zudem auf dem letzten Platz der Freien-Landesliste. Wer bei einem Wettbüro auf Wefelscheids Einzug in den Bundestag setzt, dürfte sein Geld mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verlieren. Doch der Freien-Landesvorsitzende hat weniger die Bundestagswahl im Auge als vielmehr die Landtagswahl in vier Jahren. Da rechnet sich der Jurist für seine Gruppierung echte Chancen aus, will den bislang eher lokal verankerten Bekanntheitsgrad bis dahin deutlich vergrößern. Da ist die Bundestagswahl eher Mittel zum Zweck als eine echte politische Bewährungsprobe.
So gut wie chancenlos ist auch der im Wahlkreis Trier antretende parteilose und unabhängige Bewerber Albert Niesen. Wie Hotelier Nicolay ist auch der 58-jährige Niesen ein Spätberufener, der sich durch den ehemaligen US-Präsidenten Obama plötzlich für politische Themen wie Freihandelsabkommen oder militärische Auslandseinsätze zu interessieren begann. Niesen fiel negativ auf, dass es vielen Politikern offenbar nicht um die Sache ging, sondern um Parteipolitik, "die aber nicht den Leuten nutzt". Der Hauptgrund für Niesens Entscheidung, sich zu engagieren und - wie Dutzende anderer bundesweit auch - als unabhängiger Bewerber bei der Bundestagswahl anzutreten. Seine wenig rosigen Aussichten schrecken den Herausforderer von Bundesfamilienministerin Katarina Barley (SPD) oder Andreas Steier (CDU) nicht ab. "Es geht weiter", sagt Albert Niesen, "und wenn es noch vier Jahre braucht - egal."
Katharina Penkert ist in dem Punkt noch etwas zurückhaltend. "Die Entscheidung, ob ich noch einmal antreten werde, ist offen", sagt die Direktkandidatin der Linken im Wahlkreis Bitburg. Dass es die 30-Jährige direkt im ersten Anlauf in den Bundestag schaffen könnte, ist ähnlich wahrscheinlich wie ein Erstliga-Aufstieg von Fußball-Oberligist Eintracht Trier. Das weiß Katharina Penkert natürlich, die es dennoch für wichtig hält, dass die Linke auch in den Landkreisen präsent sei und ihre Positionen vertrete, wo es nichts zu gewinnen gebe.
Auch Johannes Nicolay, der Spitzenkandidat der V-Partei, gibt sich mit Blick auf die Bundestagswahl mit eher kleinen Brötchen zufrieden. Käme seine Partei im ersten Anlauf in Rheinland-Pfalz auf 0,5 Prozent, sähe Nicolay damit schon das Etappenziel erreicht.

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