Keine Spur von Gelassenheit

Berlin. Das Buch ist überhaupt noch nicht auf dem Markt – aber schon ist es zum beherrschenden Thema in der Bundeshauptstadt avanciert. Die Memoiren von Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), die am Donnerstag dieser Woche erscheinen sollen, rufen teils harsche Reaktionen hervor – nicht nur im Lager der Konservativen.

Wenn Politiker ihre Memoiren vorlegen, verhalten sich andere Politiker zuerst so: "Wir gucken, ob der eigene Name im Register erscheint". Das verriet ein Minister gestern schmunzelnd. Bei Gerhard Schröders Werk "Entscheidungen" werden also einige Zeitgenossen das Buch von hinten aufblättern. Mit ein paar Sticheleien gegen seine Nachfolgerin ("gelegentlich scheint mir ein Basta zu fehlen") und gegen seinen Ex-Freund Oskar Lafontaine startete der Medienprofi am Wochenende seine breit angelegte PR-Kampagne (der TV berichtete). Gestern war im politischen Berlin das Schröder-Buch bereits Gesprächsthema Nummer eins. Der Alt-Kanzler kann sich die Hände reiben

Mit denen, die er gegen Ende seiner Amtszeit regelrecht boykottierte und die ihn wiederum am liebsten loswerden wollten, zieht er jetzt an einem Strang: "Der Spiegel" und "Bild". Beide sind mit Vorabdrucken erschienen. Sogar in einem Fernsehspot blättert der ehemalige Kanzler im Boulevardblatt, um festzustellen, das nichts "Ordentliches" mehr drin steht - "das muss sich ändern" grinst Schröder in die Kamera. Und es funktioniert. Seine PR-Strategen, der Verlag, der Niedersachse selbst können sich die Hände reiben, so groß ist die Aufmerksamkeit, die dem Buch noch vor der offiziellen Veröffentlichung am Donnerstag zuteil wird. Dies alles, obwohl nicht eine einzige sensationelle Enthüllung auf den 544 Seiten zu erwarten ist. "Er sollte etwas kleinere Brötchen backen", rät FDP-Chef Guido Westerwelle dem ungeliebten Schröder. Aber das Honorar, von einer Million Euro ist die Rede, muss wieder eingespielt werden. Dazu muss sich fast die gesamte Erstauflage von 160 000 Exemplaren verkaufen. "Schröder war immer Macht und Kohle", lässt Oskar Lafontaine angeblich am ehemaligen Weggefährten kein gutes Haar. Union rührt ungewollt die Werbetrommel

Vor allem die Unionsgrößen gehen reflexartig in Stellung mit Reaktionen auf Interviews, deren Aussagen fast nichts mit denen im Buch zu tun haben. Ungewollt - vermutlich - rühren sie so die Werbetrommel für die Memoiren kräftig mit. Auffallend ist, dass die Konservativen in ihren Bewertungen nicht gerade zimperlich sind; mancher hat nur darauf gewartet, alte Rechnungen mit Schröder zu begleichen. "Er kann offensichtlich von seinem Einkommen aus der Tätigkeit für Gasprom nicht alleine leben", stichelt Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU), dem Schröder schon immer ein Gräuel war - noch mehr allerdings Joschka Fischer. "Wie man eine Karriere beendet, kann man sehr gut an Michael Schumacher sehen", regt sich NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers über die Arroganz des Medienaltkanzlers auf. Mehrere Landesfürsten bliesen gestern am Rande der Unionssitzungen ins selbe Horn. Co-Autor Uwe-Karsten Heye, Schröders früherer Regierungssprecher, wundert sich nur über die Reaktionen: "In dem Buch ist nicht ein einziger Tiefschlag." Keine Spur von Gelassenheit im Berliner Politikbetrieb. Auch nicht bei der SPD. Gerade geht es wieder aufwärts in den Umfragen, da kommt Schröder zurück und wirft der Parteilinken und den Gewerkschaften vor, ihn in die Neuwahlentscheidung und damit aus dem Amt getrieben zu haben. Die Linken wetzen bereits die Messer zum Gegenangriff, heißt es. "Es ist seine Betrachtung, und ich respektiere dies", versucht sich SPD-Chef Kurt Beck als Schlichter. Er erhielt das Buch am Samstagmorgen, am Abend las er es fix durch. "Man kann es an einem langen Abend lesen", entschuldigte er sich vor grinsenden Journalisten. Spricht das nun für oder gegen das Buch?

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