| 20:17 Uhr

Todesfahrt am Kiepenkerl-Denkmal
Was wir von Münster lernen können

Passanten halten am Sonntagabend am Tatort inne.
Passanten halten am Sonntagabend am Tatort inne.
Düsseldorf. Die Menschen in Münster haben eindrucksvoll gezeigt, wie man auf ein schreckliches Ereignis reagieren kann. Auch Polizei und Rettungskräfte haben ruhig und besonnen gehandelt. In der Stadt klafft dennoch eine Wunde. Aber Münster wird sich treu bleiben. Michael Bröcker

Die Friedensstadt Münster erlebt Tod und Trauer. Die Bluttat vor dem beliebten Straßencafé, am 1896 erbauten Kiepenkerl-Denkmal, das sogar die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs überstand, trifft die Westfalenstadt ins Mark. Ein offenbar psychisch labiler 48-Jähriger verletzt Dutzende, tötet zwei Menschen und sich selbst.

Als die Nachrichten von einem Kleinlaster, der in eine Menschenmenge rast, im Rest der Republik eintreffen, ist der erste Gedanke: islamistischer Terror. So reflexhaft funktioniert das Gehirn im Jahrzehnt der Terrorbedrohung. Fast zynisch die Erleichterung, als Ermittler "nur" einen Amoklauf eines Einzeltäters melden. Man hofft, dass der Kampf der Kulturen nicht wieder entfacht wird, die Hetzer keine neue Nahrung bekommen. Stunden später die Nachrichten aus Berlin, wo offenbar ein islamistisch motivierter Anschlag auf den Halbmarathon vereitelt werden konnte.

Die Reflexe und die Pauschalisierung sind das Krebsübel der Debatten. Den Angehörigen der Opfer in Münster hilft es wenig, ob der Täter Deutscher oder Ausländer war, ob er allein oder in der Gruppe handelte. Sie haben ihre Liebsten verloren. Sie müssen, wenn die Scheinwerfer der Öffentlichkeit aus sind, mit der Leere klarkommen, die nur jemand nachvollziehen kann, der selbst Angehörige so abrupt und auf so brutale Weise verloren hat.

Im besten Sinne bürgerlich

Ob der Täter als gefährlich hätte erkannt werden können? Ermittlungen werden dies vielleicht zeigen. Irre Einzeltäter sind in einer freien Gesellschaft aber kaum aufzuhalten. Die Antwort auf die Frage, was in Menschen vorgeht, die töten, bleibt unbefriedigend. Unser Blick richtet sich auf die Opfer und ihr Umfeld. Auf diejenigen, die in den Kliniken um ihr Leben kämpfen. Münster hat gezeigt, wie man reagieren kann, fast 300 waren in wenigen Minuten dem Aufruf zur Blutspende gefolgt. Münster ist im besten Sinne bürgerlich, weil es eine gesunde Bürgerschaft hat. Auch die Polizei, die Rettungskräfte reagierten schnell, ruhig und professionell.

Diese Stadt trägt den Frieden nicht nur in ihrer Historie. Wer wie ich aus Münster kommt, weiß um die Gelassenheit, die diese Stadt ausmacht. Holländische Touristen, Studenten aus der Welt und die notorisch unaufgeregten Einheimischen verbinden sich zu einer "Heile Welt"-Idylle, die gerade bei den Münsteranern, die aus beruflichen Gründen auszogen, die Sehnsucht nach der Heimat ausmacht. Ein Tretboot-Unfall auf dem Aasee ist in Münster ein spektakuläres Ereignis. Diese heile Welt wurde am Samstag verwundet. Aber Münster wird sich treu bleiben. Und kann damit Vorbild für den Rest der Republik sein.