Kinder, lest Zeitung!

TRIER. Lesen: fünf. Deutschlands Schüler können angeblich so schlecht lesen wie noch nie, die Klagen der Unternehmen über die schlechte Bildung der Azubis häufen sich. Woran liegt das, und was wird getan? Im Rahmen unserer Serie "Die beste Schule für mein Kind" geben wir Antworten.

Die deutschen Schüler können nicht lesen. Jedenfalls ein Teil von ihnen. Im internationalen Vergleich haben sie nur eine sehr durchschnittliche Lesekompetenz. Dies zeigte die Pisa-Studie 2001. 25 Prozent der deutschen Kinder können kaum lesen und schreiben. Bei der Lesekompetenz schaffte es Deutschland gerade mal auf Platz 21. Doch was hat sich seitdem getan? Experten sagen: Nichts. Es fehle an einem Gesamtkonzept, punktuelle Sprachkurse in Kindergärten und Schulen seien nur Einzelmaßnahmen, die Lesekompetenz müsse gezielt gefördert werden. Sie sei ein grundlegendes Kulturwerkzeug, ohne das die Zukunftschancen der Kinder verbaut würden, sagt Andreas Paetz vom Bundesbildungsministerium. Eigentlich eine Binsenweisheit. Und trotzdem: "Die Möglichkeiten, trotz schlechter Lesefähigkeiten erfolgreich ins Berufsleben einzusteigen, sind in den vergangenen Jahren rapide gesunken", analysiert Paetz. Immer wieder kritisieren Arbeitgeber die mangelnde Lese-, Schreib- und Mathematik-Kompetenz von Bewerbern auf einen Ausbildungsplatz. Trotzdem scheint dieser Hilferuf in den Schulen oder besser in den für die Lehrpläne zuständigen Bildungsministerien noch nicht angekommen zu sein. Lesen werde in Schulen noch immer pädagogisiert, hieß es kürzlich bei einem Expertengespräch der Stiftung Lesen. Die Auswahl der Unterrichtslektüren gehe zu sehr an der wirklichen Welt der Schüler vorbei: Kabale und Liebe statt Harry Potter, Goethe statt Cornelia Funke. Kinderliteratur wird im Unterricht kaum behandelt. Laut internationaler Grundschul-Vergleichsstudie Iglu ist Deutschland "Weltmeister der Arbeitsblätter". Als einen Grund für das Desinteresse an altersgerechter Literatur im Unterricht sehen die Lese-Experten, dass viele Lehrer gar nicht auf dem neuesten Stand sind, was Jugendliteratur angeht, oder dass sie selbst privat eher Lesemuffel sind. Doch nicht nur Literatur fördert die Lesekompetenz. Auch Zeitunglesen bildet, wie eine Studie der finnischen Universität Jyväskylä herausfand (der TV berichtete). Jugendliche, die regelmäßig Zeitung lesen, schnitten beim Pisa-Test besser ab, weil ihnen die dort vorgelegten Texte vertrauter waren. Unter Lesekompetenz versteht Pisa nämlich die Fähigkeit, geschriebene Texte zu verstehen und in einen größeren Zusammenhang einordnen zu können. Lesekompetenz gelte als "Voraussetzung für die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben", heißt es. Nicht nur im Lesen sind die jugendlichen Zeitungsleser besser, sondern auch in Mathe und Naturwissenschaften. Die Schüler, die nicht regelmäßig Zeitung lesen, gehörten zu den eher Schwächeren. Zeitungen böten den Jugendlichen alles, was sie interessiert: die große weite Welt oder das Geschehen vor der Haustür, so die finnischen Forscher. Kein Wunder also, dass unter Finnlands Schülern die Zeitung populärer ist als etwa E-Mails oder Computer. "Zeitunglesen", so heißt es in der Studie, "kann als typisches informelles Lernen" betrachtet werden. Mit anderen Worten: Zeitunglesen bildet. Doch wie kommen Jugendliche überhaupt dazu, täglich in die Zeitung zu schauen? Es ist wie beim Bücherlesen: Sie brauchen einen Anreiz, sie brauchen Vorbilder. Wird in der Familie nicht gelesen - selbst das regelmäßige Vorlesen für die Kinder gehört zur Ausnahme, Bücher finden sich kaum in den Regalen und eine Tageszeitung gibt es auch nicht - finden Kinder nur schwer Zugang zum Lesen. Forscher haben her-ausgefunden, dass nicht nur Leseschwächen die Folge sein können, auch Probleme bei der Sprachentwicklung können damit verbunden sein. Vorschulische Erfahrungen mit Büchern und Texten seien von zentraler Bedeutung, sagt Andreas Paetz. In der Familie werde die Lust aufs Lesen geweckt. Und diese Lust muss natürlich in der Schule aufrecht erhalten werden. Doch oft lässt der eng gefasste Lehrplan dafür nur wenig Raum. Es hängt - darin sind sich die Experten einig - oft vom Engagement und Interesse des Lehrers ab, welchen Stellenwert er der Leseförderung gibt und mit welchen Methoden er das Interesse der Kinder an Büchern und Zeitungen weckt. Zeitungsprojekte wie das seit Jahren erfolgreiche Klasse!-Projekt des Trierischen Volksfreunds haben nach Ansicht der Mainzer Stiftung Lesen einen stützenden Effekt, was die Leseförderung angeht. Das Beispiel Finnland zeigt, das solche Projekte Erfolg haben können: Dort lesen 59 Prozent der 15-Jährigen mehrmals die Woche eine Zeitung und 26 Prozent immerhin mehrmals im Monat.