1. Nachrichten
  2. Themen des Tages

Konklave-Atmosphäre am Tag vor Marx-Geburtstag

Konklave-Atmosphäre am Tag vor Marx-Geburtstag

TRIER. Nach der Wahl ist vor der Wahl: Zwei Tage nach der Bundestagswahl wählt die Deutsche Bischofskonferenz am Dienstag einen neuen Vorsitzenden. Ob Amtsinhaber Karl Kardinal Lehmann (69) noch einmal antritt, ist unklar. Einer von Lehmanns möglichen Nachfolgern: der Trierer Bischof Reinhard Marx (51).

Wenn sich die deutschen Bischöfe ab Montag zu ihrer traditionellen Herbstvollversammlung hinter die Mauern des Fuldaer Priesterseminars verziehen, wird es dieses Mal fast so spannend und geheimnisvoll zugehen wie beim Konklave in Rom. Die 68 Teilnehmer der Vollversammlung wählen am Dienstagvormittag einen aus ihrer Mitte zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz. Das Amt hat seit 1987 der Mainzer Bischof, Karl Kardinal Lehmann, inne. Ob der 69-jährige Kirchenmann für eine vierte Amtszeit zur Verfügung steht, ist noch offen. Dass überhaupt über die Nachfolge spekuliert wird, hat Lehmann selbst zu verantworten. "18 Jahre Vorsitzender, das reicht jetzt auch langsam mal", sagte er vor einigen Monaten in einem Interview. Während der populäre Mainzer seitdem eisern schweigt, wird in Kirchenkreisen umso eifriger über den Hintergrund der Kardinal-Äußerung gerätselt. Ist Lehmann vielleicht amtsmüde? Ist ihm der Vorsitzenden-Job zu stressig? Oder sind ihm sechs weitere Jahre als Chef der Bischofskonferenz zu lang? Weil es eine Antwort auf all diese Fragen vermutlich erst am Dienstagvormittag gibt, ist es in der katholischen Gerüchteküche bereits heftig am Köcheln. Viele Namen der 25 wählbaren Bischöfe wurden als mögliche Lehmann-Nachfolger schon genannt, die meisten aber genau so schnell wieder verworfen. Ein Drittel fällt schon allein deshalb vermutlich flach, weil die Bischöfe innerhalb der nächsten sechs Jahre die Altersgrenze von 75 Jahren erreichen und dem Papst dann laut Kirchenrecht den Rücktritt anbieten müssen. Von den rund 15 verbleibenden ist der eine zu jung, der andere zu krank, der nächste anderweitig voll ausgelastet. Bleibt letztlich nur eine Hand voll Bischöfe übrig, die für das Vorsitzendenamt in Frage kommt. Gute Karten eingeräumt werden Robert Zollitsch (Freiburg), Werner Thissen (Hamburg), dem Ex-Trierer und jetzigen Essener Bischof Felix Genn und natürlich Reinhard Marx. Dass der 51-jährige "shooting star" im deutschen Episkopat Ambitionen auf die Lehmann-Nachfolge hat, wird nicht nur im Trierer Generalvikariat als offenes Geheimnis gehandelt. "Der will nach oben", verlautete am Freitag auch aus Kreisen der Bischofskonferenz. Offiziell bestätigen will das natürlich niemand: "Mit Kardinal Lehmann hat die Bischofskonferenz einen guten, erfahrenen und weit respektierten Vorsitzenden." Es gebe keinen Anlass, über eine Nachfolge zu spekulieren, sagt Marx-Sprecher Stephan Kronenburg und wiederholt damit vier Monate alte Äußerungen seines Kollegen Hans Casel. Die Bereitschaft eines Bischofs ist die eine Sache, gewählt ist er damit aber noch lange nicht. Wenn die 68 Mitglieder der Vollversammlung am Tag vor Reinhard Marx' Geburtstag im Bonifatiussaal des Fuldaer Priesterseminars zusammenkommen, wird es vor der Wahl keine Vorschläge geben, ebenso wenig Debatten oder gar Bewerbungsreden. Jeder Bischof schreibt einen Namen auf den vor ihm liegenden Zettel, dann wird ausgezählt. In den ersten beiden Wahlgängen benötigt ein "Kandidat" die Zweidrittelmehrheit, muss ein dritter Wahlgang angesetzt werden, reicht die einfache Mehrheit.Wiederwahl bei Wiederantritt

Sollte der Amtsinhaber und Mainzer Kardinal Lehmann allerdings nicht im Vorfeld seinen Verzicht auf eine neuerliche Kandidatur erklären, wird der 69-Jährige wohl abermals gewählt werden. Alles andere käme einer Abwahl Lehmanns gleich - ein unvorstellbares Szenario. Erste Anzeichen, dass Lehmann womöglich doch noch einmal zur Verfügung steht, gibt es derweil. Lehmanns Stellvertreter als Chef der Bischofskonferenz, der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff, plädierte am Freitag in einem Interview offen für die Wiederwahl des Mainzer Kirchenmannes. Schwer vorstellbar, dass Mussinghoff dies ohne das Plazet Lehmanns gemacht hätte.