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Kriminalpsychologe: Heilung nach Gefangenschaft kann Jahre dauern

Kriminalpsychologe: Heilung nach Gefangenschaft kann Jahre dauern

Der Weg des freigelassenen israelischen Soldaten Gilad Schalit zurück in die Normalität kann nach Ansicht des Kriminalpsychologen Rudolf Egg sehr lange dauern. "Eine jahrelange Geiselhaft wird immer Spuren hinterlassen", sagt Egg im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

Berlin. Der israelische Soldat Gilad Schalit ist nach über fünf Jahren Gefangenschaft wieder frei. Aber: "Es ist schwer zu sagen, in welchem Zeitraum er wieder eine andere, eine neue Normalität gewinnen wird. Das kann Monate, das kann unter Umständen auch Jahre dauern", sagt der Wiesbadener Kriminalpsychologe Rudolf Egg. Schalit und seine Familie hätten durch die Trennung "sehr schwere traumatisierende Erfahrungen gemacht". Die müssten sie nun zusammen aufarbeiten. Schalit brauche Ruhe für sich selber und Kontakt zu denen, die ihm am nächsten stehen, "um zu sagen, was habt ihr erlebt und was habe ich erlebt", sagte Egg. Deswegen sei es auch richtig, ihn von dem Medienrummel fernzuhalten.
Der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden glaubt nicht, dass es zwischen dem 24 Jahre alten Israeli und seinen Geiselnehmern von der radikalislamischen Hamas zu einer Verbrüderung kam, wie es das sogenannte Stockholm-Syndrom beschreibt. Denn Schalit sei von einer fremden Armee entführt worden und nicht von einzelnen Kidnappern. Als größte Belastung während der Gefangenschaft sieht Egg die Unsicherheit für den jungen Soldaten. Wenn nicht klar sei, ob man überhaupt jemals befreit werde, könne diese Ungewissheit einen Menschen ratlos und verzweifelt werden lassen. Helfen könne es da, eine Art Alltag und Routine in sein Leben in Gefangenschaft zu bringen: Auch das Schreiben könne helfen, "aus dieser verzweifelten und perspektivlosen Lage gedanklich herauszutreten".
Extra

Mehr als fünf Jahre nach seiner Entführung in den Gazastreifen hat der israelische Soldat Gilad Schalit am Dienstag seine Eltern wiedergetroffen. Sie nahmen den 25-Jährigen nach seiner Freilassung auf der Militärbasis Tel Nof südlich von Rechovot in Empfang, wie das Büro des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu mitteilte. Netanjahu habe den Eltern zu Beginn des Treffens gesagt: "Ich habe euch euer Kind zurückgebracht." dpa