Kühle Antwort

WASHINGTON. (die) 24 Stunden öffentliches Rätselraten – dann, nach sorgfältiger Übersetzung, Klarheit über die Kernaussagen des in diplomatischen Kreisen zunächst als sensationell empfundenen Briefes von Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad an US-Präsident George W. Bush.

Doch die zunächst erhoffte Initiative zur Beilegung des Atomstreits fehlte in dem 18-seitigen Schriftstück, das der amerikanischen Regierung am Montag mit Hilfe der Schweizer Botschaft in Teheran zugestellt worden war. Stattdessen gibt es Vorwürfe und Anschuldigungen im Überfluss: Bush habe mit seinen Entscheidungen nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 falsch reagiert, den Irak-Krieg mit Lügen begründet und sich weltweit mehr Feinde als je zuvor geschaffen. Zudem seien die Prinzipien des Liberalismus und der Demokratie Auslaufmodelle und zum Scheitern verurteilt. Und: die Gründung Israels sei rational nicht zu erklären. Die Reaktionen in Washington zu dieser überraschenden direkten Kontaktaufnahme - der ersten seit dem Geiseldrama an der US-Botschaft in Teheran im Jahr 1979 - waren deshalb absehbar kühl. "Dieser Brief geht nicht auf die Probleme ein, mit denen wir uns derzeit beschäftigen", kritisierte gestern Außenministerin Condoleezza Rice, "wir finden keinen Ansatzpunkt, um in der Atomfrage weiterzukommen." In der Tat streift das Schreiben in der nun vorliegenden Übersetzung lediglich das heikle Thema: Irans Präsident stellt in einem Nebensatz die Frage, warum "jeder technologische und wissenschaftliche Fortschritt im Nahen Osten als Bedrohung des zionistischen Regimes" interpretiert werde. Während die Außenminister der im UN-Sicherheitsrat vertretenen Nationen gestern in New York bei der Suche nach einem gemeinsamen Resolutionstext zum Nuklearkonflikt erneut scheiterten, enthielt sich US-Präsident Bush zunächst einer persönlichen Bewertung des Briefes. USA lehnen direkten Dialog ab

Stattdessen wurde Rice, die in den letzten 48 Stunden hinter den Kulissen in Dauer-Gesprächen vergeblich nach einer gemeinsamen Linie gesucht hatte, mit den offiziellen Reaktionen beauftragt. Dadurch wurde klar: Bush lehnt derzeit einen direkten Dialog mit der iranischen Führung - vorgeschlagen in der vergangenen Woche unter anderem von UN-Generalsekretär Kofi Annan - weiter ab. Offenbar soll eine öffentliche Aufwertung des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, dessen antijüdische Thesen vor allem in Europa und den USA auf starken Widerspruch gestoßen sind, unbedingt vermieden werden. Denn die US-Regierung sieht, so die offizielle Sprachregelung, Iran und die Mullah-Führung dieses Staates weiter als "führenden Sponsor des globalen Terrorismus" an.