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Kundgebungen der Gewerkschaften zum 1. Mai fallen aus - Kampf für die Arbeitnehmerrechte jedoch nicht

Gewerkschaften : Die Trillerpfeifen bleiben zu Hause

In diesem Jahr ist alles anders: Auch die Kundgebungen der Gewerkschaften zum 1. Mai fallen aus – der Kampf für die Arbeitnehmerrechte jedoch nicht.

Trier Trillerpfeifen, schwenkende Fahnen, ein Demozug und hunderte Menschen: Wo im vergangenen Jahr die Gewerkschaften Kundgebungen in der Trierer Innenstadt und in anderen Städten für ein sozialeres Europa abgehalten haben, wird in diesem Jahr zum Tag der Arbeit am 1. Mai Stille herrschen. Die Corona-Pandemie hat solche Zusammenkünfte verboten und damit unmöglich gemacht.

Einem, dem dabei das Herz besonders blutet, ist Matthias Bichler, seit genau 40 Jahren IG Metall-Mitglied und 28 Jahre lang Betriebsratsvorsitzender bei Volvo in Konz. Viele Arbeitskämpfe hat er geführt, den Dialog zwischen Mitarbeitern und Konzernleitung stets gehalten. Gerade am 1. Mai hat er in all den Jahren selten gefehlt – aus privaten Gründen nicht, eher mal, wenn er auch auf europäischer Betriebsratsebene unterwegs war. „So eine Situation hat es noch nie gegeben“, sagt Bichler, der inzwischen in passiver Altersteilzeit ist. „Ich habe die Hoffnung, das Politik und Gesellschaft aus dieser Krise etwas lernen“, sagt er.

Und er weiß auch, was das sein soll: „Wir hatten in unserem Betrieb in den vergangenen Jahren bereits häufiger Kurzarbeit. Da gab es von außen meist wenig Verständnis für uns als Beschäftigte und für uns als Betriebsrat und Gewerkschaft. Jetzt, wo viele Beschäftigte in Deutschland in Kurzarbeit sind, wird die Arbeit der Gewerkschaften umso wichtiger.“ Dabei verweist Bichler unter anderem darauf, dass in Betrieben mit Betriebsräten dieser die Verträge zur Kurzarbeit mit dem Arbeitgeber aushandelt. Wo es keinen gibt, ist jeder einzelne Mitarbeiter selbst in der Pflicht. Aktuell sind laut Landesregierung 32 000 Anträge auf Kurzarbeit in Rheinland-Pfalz gestellt. „Es geht darum, den Zusammenhalt in der Gesellschaft wieder zu stärken“, fordert Vollblut-Metaller Bichler. Schließlich seien die Verbesserungen beim Kurzarbeitergeld auch auf Druck der Gewerkschaften gelungen.

Dabei ist der Zusammenhalt in Zeiten des Abstandhaltens weit schwieriger, muss DGB-Regionalgeschäftsführer James Marsh neben den rund 25 000 Gewerkschaftsmitliedern in der Region Trier schließlich auch diejenigen Ehrenamtler und Funktionäre bei der Stange halten, die nur analog per Telefon erreichbar sind. „Wir wollen die Leute ja weiter mitnehmen, und der 1. Mai ist unser Tag“, sagt er. Ohne Kundgebung gehe das Miteinander für die Sache und die Bindekraft der Gewerkschaft schnell verloren.

Und so hat der Deutsche Gewerkschaftsbund auf Bundesebene mit einem Live-Stream, aber auch auf Regionalebene mit einem etwa zweistündigen Video, versucht, einen Ersatz für Ansprachen auf der Bühne und Musik vor Publikum zu schaffen – mit Musik aus der Region und mit Grußworten wie etwa vom Trierer Oberbürgermeister. „Wir wollen auch vor der Porta Nigra Transparente aufhängen, um zu zeigen, dass wir jetzt noch stärker zusammenstehen müssen,“ sagt Marsh. „In der Corona-Krise wird das Wort Solidarität landauf und landab mit neuem Leben gefüllt“, stellt der DGB-Landesvorsitzende Dietmar Muscheid fest. „Was wir als Gesellschaft gerade leisten, ist eine solidarische Leistung von historischem Ausmaß!“

Dennoch sieht etwa der regionale IG Metall-Chef Christian Schmitz auch Handlungsbedarf, „damit die Lippenbekenntnisse der Politik auch zu Taten führen“. Denn er geht von einer tiefgreifenden Rezession der Wirtschaft und einer folgenden Insolvenzwelle im zweiten Halbjahr aus, „bei der im besten Fall mit Umsatzeinbußen von immerhin 30 Prozent für 2020 ausgegangen wird. Das trifft auch die Region, kleine wie große Betriebe, Montagewerke wie Gießereien“. Schon jetzt sei für einige Betriebe absehbar, dass sie bis Oktober in der Kurzarbeit steckten.

Der regionale DGB-Chef James Marsh ruft in einem Video zum 1. Mai zum Kampf für die Arbeitnehmerrechte auf. Foto: DGB TRier/DBG Trier
Triers Oberbürgermeister Wolfram Leibe in einem Video des DGB Region Trier zum 1. Mai Foto: DGB TRier

 „Wir fordern in dieser Phase eine Beschäftigungssicherung, dass zur Kurzarbeit und niedrigerem Einkommen nicht auch noch die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und damit der Existenz kommt“, sagt Schmitz. So werde der Tag der Arbeit in diesem Jahr zwar leiser erscheinen, in den Forderungen werden wir aber nicht nachlassen.