Kunst schlägt Konserven

TRIER. Der Supermarkt als Kunstgalerie: Aldi macht's möglich. Rund 140 000 handsignierte Kunstdrucke kamen gestern in den Handel - sie waren auch in Trier und Umgebung heiß begehrt.

Montagmorgen zu Aldi: Das gleicht einem Ausflug ins Abenteuerland. Wenn anderswo noch müde Verkäuferinnen in gähnend leeren Läden die Auslagen sortieren, dann ringeln sich beim Discount-König die Schlangen schon durchs halbe Geschäft. Denn Montag und Donnerstag sind Schnäppchen-Tag, und da heißt es frisch zugegriffen, bevor die Sonder-Angebote in den falschen Händen, sprich: denen der Nachbarin, landen. Gestern morgen also der ganz neue Kick: Kunst zu 12,99 das Stück. In der Filiale Konz-Könen steht ein Dutzend überwiegend weibliche Einkaufswillige um ein paar große Kartons herum. Scharf auf Grafik? Der erste Eindruck täuscht: Nicki-Hausanzüge zu 15,99 Euro sind das heißeste Objekt der Begierde. Aber nur fünf Meter weiter der nächste Pulk, und diesmal stimmt der Tipp: Massenweise wandern die Kunstdrucke in die Einkaufswagen. Eine Mittvierzigerin hat fünf Mal das gleiche Motiv gekauft. Verliebt in Johann Lindows südliche Landschaftsbilder? Falsch. So günstig sei sie noch nie an derart schicke silberfarbene Rahmen gekommen, sagt die Dame, sie sei Hobbymalerin und werde das Original durch eigene Bilder ersetzen - als Weihnachtsgeschenk für Freunde. Auch die Nachfrage bei der nächsten Käuferin lässt Schlechtes erahnen für die hehre Kunst: Zuhause seien viele kleinteilige Familienbilder, die würden nun als Collage in den Aldi-Rahmen geklebt. Da landen Georg Schädels rote Rechtecke womöglich in der blauen Tonne. Die Aldi-Filiale Trier-West dokumentiert, dass die Vorurteile über den sozialen "Brennpunkt-Stadtteil" nicht immer stimmen müssen. Nirgendwo siegt die Kultur so eindeutig über Konserven und Lammfell-Hausschuhe. Um neun Uhr sind die ersten drei Kartons leer, eilig wird Nachschub herbei geschafft. Stilleben und Häuser am Meer sind klare Favoriten gegenüber eher abstrakten Motiven. Aber wenn das eine zur Neige geht, nimmt man notgedrungen eben das andere - so ist das halt bei Aldi. Sogar aus Luxemburg kommen Käufer angereist

Ein Luxemburger deckt sich kräftig ein. "In unseren Filialen gibt es das nicht", sagt er mit bedauerndem Unterton. Mit fünf Bildern und fünf Konservendosen rollt er Richtung Kasse - ob es in Luxemburg auch keinen Thunfisch gibt? Derweil eilen die ersten Studenten herbei und melden, dass in der Tarforster Filiale schon der Notstand ausgebrochen sei. Einst hing das Poster von Che Guevara tausendfach an WG-Wänden, jetzt das von Aldi: Die Zeiten ändern sich, sagte schon Bob Dylan. Letzteres hofft wohl auch der ältere Herr, der sich bemüht, in dem ganzen Gewusel einen kompletten Satz der durchnummerierten Drucke zu ergattern - "als Geldanlage", meint er hoffnungsvoll. "Wenn man alle hat, wird das garantiert mal viel wert". Gut 150 Euro muss er investieren, da sind schon teurere Träume geplatzt. Die Kunst-Profis sehen die Sache derweil locker. Der Trierer Galerist Martin Wieland glaubt sogar an einen Werbe-Effekt für Kunst insgesamt - "zumindest, wenn die Qualität der angebotenen Sachen in Ordnung ist und kein Kitsch verkauft wird." Einer wie Beuys-Schüler Felix Droese genießt da durchaus sein Vertrauen. Dass dem "normalen" Kunsthandel Kundschaft durch die Lappen gehen könnte, fürchtet Wieland nicht. Und der Trierer Kunstsammler Curt Voss vergleicht die Aldi-Aktion mit dem ZDF-Wettbewerb um den größten Deutschen: "Das ist auch ziemlicher Quatsch, aber so befassen sich viele Leute überhaupt mal mit Geschichte". Wie viele der Drucke nachher wirklich an der Wand hängen, weiß niemand. Aber weggegangen sind sie wie die berühmten warmen Semmeln. Im Aldi in der Paulinstraße steht um die Mittagszeit nur noch ein arg gerupftes Sortiment. Und beim Internet-Versteigerer Ebay werden zur gleichen Zeit schon die ersten Discount-Bilder angeboten - zu deutlich gestiegenen Preisen, versteht sich.