Kurt Beck auf Sommerreise: Es muss auch mal gut sein

Kurt Beck auf Sommerreise: Es muss auch mal gut sein

Da können noch so viele ärgerliche Berichte in der Zeitung stehen - etwa, wie zuletzt so oft, über das schmerzhafte Debakel am Nürburgring. Auf seine Sommertour mit Journalisten verzichtet Kurt Beck deswegen nicht. Auch diesmal sucht der rheinland-pfälzische Ministerpräsident dabei den Kontakt zu den "einfachen Leuten". Und die scheinen ihm seine Fehler zu verzeihen.

Mainz. Vor der Baustelle der Uni Mainz sagt Kurt Beck abrupt: "Moment, ich muss da mal guten Tag sagen." Er meint die drei Elektriker, die im Erdgeschoss werkeln. Elektriker hat er selbst mal gelernt, bevor er für mittlerweile 18 Jahre einen anderen Beruf ergriff: Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz. "Und, habt ihr es bald fertig?" fragt er die Männer, die hocherfreut wirken.
Auf Tuchfühlung mit der Meute


Kurt Beck knüpft mitten in der Krise um die Pleite der vom Land geförderten Nürburgring-GmbH an alte Zeiten an, als er überaus beliebt war im Volk. Er spricht die Sprache der einfachen "Leut". Tausende von Zuschriften kriege er jetzt, berichtet er. Angeblich 95 zu fünf Prozent positiv. Tenor, laut Beck: "Jeder kann mal Fehler machen."
Just in dieser Situation macht Kurt Beck wie jedes Jahr eine Journalistenreise. Das ist gefährlich, denn so eine Sommerreise bedeutet zwölf Stunden lang engste Tuchfühlung mit der Meute, dazu viel Essen und Alkohol. 2008, er war gerade auf dem Tiefpunkt seines Ansehens als SPD-Bundesvorsitzender, explodierte er beim Abendessen regelrecht und sprach von einem medialen "Vernichtungsfeldzug" gegen ihn. Das machte bundesweit Schlagzeilen. "Wenn ich noch mal geboren werden, werde ich Journalist", sagt er auch jetzt sarkastisch im Bus, in dem er den ganzen Tag lang geduldig mitfährt. "Denn dann habe ich immer recht". Abgesagt hat Beck die Reisen aber nie, dazu ist er zu stolz.
Es geht durch Rheinhessen, die Sonne knallt. Die Journalisten interessieren sich wenig für Lebensmittelfirmen und Sektkeltereien, sondern nur für die in der Eifel versenkten rund 250 Millionen Euro. Doch Beck hält sich unter Kontrolle. Er wisse auch im Nachhinein nicht, wo der Punkt gewesen wäre, "an dem ich bei diesem Projekt die Reißleine hätte ziehen müssen", sagt er am Tisch. Es klingt, als quäle er sich selbst. Salbungsvoll entschuldigt hat er sich schon beim Wahlvolk. Es tue ihm unendlich leid, hat er im Landtag gesagt. Und dass das Erlebniscenter am Ring "etwas zu groß geraten sei". Nur habe man eben etwas tun wollen und müssen für die Region. "Es muss auch mal gut sein mit der Kritik", meint er.

Die Umfragewerte stimmen


Die Opposition, angeführt von der rührigen CDU-Politikerin Julia Klöckner, versucht die Affäre am Kochen zu halten. Doch Beck will es aussitzen und hat dafür gute Chancen. In den Umfragen ist seine SPD nicht eingebrochen. Die Koalitionspartner von den Grünen stehen treu zu ihm. Und parteiinterne Kritik gibt es bei der SPD nicht. Beck will im Herbst für weitere zwei Jahre als Landesvorsitzender antreten, er geht ins 20. Jahr. Selbst einer wie der FDP-Bundestagsabgeordnete Manuel Höferlin sagt: "Die Leute verzeihen ihm offenbar." Höferlin hat sich mit seinem blau-gelben "Kampfschlips" zum Betriebsbesuch Becks bei der Lufthansa-Cateringtochter LSG eingefunden, "weil ich dem in meinem Wahlkreis nicht das Feld überlasse". Aber die Geschäftsführer haben nur Blicke und Worte für den 63-jährigen Ministerpräsidenten, der ihnen, ganz Landesvater, gleich zusagt, eine Erweiterung des Firmengeländes zu unterstützen.
Freilich gibt es für Becks nähere Zukunft auch ein paar Unwägbarkeiten. So beginnt im Oktober in Koblenz der Prozess gegen den einstigen Finanzminister und engen Beck-Vertrauten Ingolf Deubel, der bei der Nürburgring-Finanzierung öffentliche Mittel veruntreut haben soll. Beck sagt, er habe "keinen Grund, mit Deubel zu brechen". Das ist auch ein Wink an Deubel, ihn nicht vor Gericht mit in den Schlamassel zu ziehen.
Weitere Probleme dürften kommen, wenn die Landesregierung wegen der Schuldenbremse Sparhaushalte vorlegen muss. 220 Millionen Euro wird der Etat jährlich knapper, und jedes Mal wird nach den Nürburgring-Millionen gefragt werden. Ein Problem, das "vorläufig nicht auflösbar ist", wie ein Beck-Vertrauter sagt. Vor allem aber hat die Nürburgring-Affäre das landesweite Nachdenken darüber belebt, wie denn die ewige Amtszeit dieses Ministerpräsidenten eigentlich einmal enden könnte und wann.
Kein vorzeitiger Abtritt


Im Frühjahr gab es Gerüchte, er wolle die Aufgabe im Herbst abgeben, und tatsächlich gab es ein Gespräch Becks mit dreien seiner Kabinettsmitglieder. Als die Unterredung bekannt wurde, möglicherweise durch einen der Drei, reagierte Beck trotzig. Wie immer, wenn er den Eindruck hat, jemand wolle ihm Entscheidungen aus der Hand nehmen. Er bleibe bis zum Ende der Legislaturperiode, so seine Gesundheit es zulasse, sagte er wütend. Und ergänzte: Noch könne er 100 Kilometer Rad fahren - "am Tag".
Beck weiß: Verlieren die Alten erst den Respekt, werden sie bald vom Hof gejagt. Seit der Nürburgring-Affäre ist ein vorzeitiger Abtritt deshalb aus seiner Sicht erst recht obsolet. Denn jetzt wäre ein Abgang ein Eingeständnis. Und würde bedeuten, dass er selbst nicht frei entscheiden kann. Das lässt ein Kurt Beck nicht zu. Er muss bleiben, um seiner selbst willen. Daran arbeitet er jeden Tag.
Zum Thema Nürburgring: TV-Interview mit Sanierungsexperte Thomas B. Schmidt auf Seite 4.

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