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Lange Wartezeiten, weil Therapeuten zu wenig arbeiten?

Lange Wartezeiten, weil Therapeuten zu wenig arbeiten?

Sind die Psychotherapeuten selbst daran schuld, dass die Patienten so lange auf eine Behandlung bei ihnen warten müssen? Niedergelassene Ärzte wie der Trierer Neurologe Michael Brenner sehen in der zu geringen Arbeitszeit der Psychologen einen Grund für die langen Wartezeiten.

Trier. 14 Wochen - so lange beträgt die durchschnittliche Wartezeit, bis ein Patient einen Termin bei einem der knapp 100 Psychotherapeuten in der Region bekommt. Die Begründung der Psychotherapeuten: Es gibt zu wenige Therapeuten, und die Zahl der Patienten nimmt immer weiter zu.
Einige niedergelassene Ärzte sehen den Grund für die langen Wartezeiten bei den Psychotherapeuten, die Psychologen, aber keine Mediziner sind, jedoch in deren zu geringer Arbeitszeit. Die Psychotherapeuten arbeiteten nur 21 Stunden pro Woche, "das heißt wenig mehr als halbtags", sagt etwa der Trierer Neurologe (Nervenarzt) Michael Brenner. "Zum einen, weil einige von ihnen - vor allem Frauen - wegen der Familie nur Teilzeit arbeiten. Zum anderen, weil die Psychotherapeuten in der übrigen Zeit auch Privatpatienten behandeln."
Wenn die Psychotherapeuten ihre volle Wochenstundenzahl für die Behandlung der Kassenpatienten arbeiten würden, "wären die Wartezeiten erheblich kürzer", sagt Brenner und spricht von Teilzeit-Psychotherapeuten. Er wirft den Psychotherapeuten vor, die langen Wartezeiten als Druckmittel gegenüber der für die Niederlassung zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung (KV) zu benutzen, um mehr Praxiszulassungen durchzusetzen.
"Wenn diese ‚Strategie\' der Psychotherapeuten stimmen würde - wenig arbeiten, damit Psychotherapeutensitze geschaffen werden, - wäre das wirklich der längste Arbeitskampf in Europa, nämlich seit 1999", sagt Gisela Borgmann-Schäfer, Sprecherin der Landespsychotherapeutenkammer. Im Jahr 1999 wurden nämlich von der KV alle in einem Planungsbezirk - in der Region sind das die vier Landkreise und die Stadt Trier - zugelassenen Psychotherapeuten als 100 Prozent angesehen. Das hat dazu geführt, dass jeder seitdem hinzugekommene Psychotherapeut zu einer theoretischen Überversorgung über 100 Prozent geführt hat und damit keine neuen Niederlassungen mehr zugelassen werden. So besteht mit sechs Psychotherapeuten im Vulkaneifelkreis für 61 000 Bewohner eine rein rechnerische Überversorgung von 173 Prozent, in Bernkastel-Wittlich mit 16 Psychotherapeuten auf 111 000 Einwohner eine Überversorgung von 262 Prozent.
Niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten seien verpflichtet, pro Woche 20 Stunden für Sprechstunden zur Verfügung zu stehen, sagt Borgmann-Schäfer. Im Schnitt arbeiteten die Psychotherapeuten 33 bis 38 Stunden pro Woche, verteidigt die Kammersprecherin ihre mehr als 700 Kollegen im Land.
Das bestätigt auch die KV in ihrem Versorgungsatlas. Mit 180 bis 309 Fällen pro Jahr liege die Auslastung der rheinland-pfälzischen Psychotherapeuten über dem bundesweiten Schnitt.
Wegen der langen Wartezeiten hatte die KV kürzlich einen Brief an alle Psychotherapeuten geschrieben (der TV berichtete). Darin hatte sie diesen vorgeschlagen, vor Beginn einer eigentlichen Therapie dem Patienten möglichst rasch einen Probetermin anzubieten.
Der Neurologe Brenner sieht auch die Patienten in der Pflicht. Viele würden sich bei mehreren Psychotherapeuten auf Wartelisten setzen lassen, die dadurch noch länger würden. Daher könne eine Probesitzung Abhilfe schaffen.Extra

Aus dem alten Wort Nervenarzt sind zwei moderne ärztliche Berufe hervorgegangen. Der Psychiater ist der Facharzt für die Behandlung seelischer Erkrankungen. Der Neurologe hingegen interessiert sich für die Leitfähigkeit der Nerven, er fragt nach den Reflexen, nach Lähmungen oder auch nach Gefühlsstörungen in der Haut. Psychologen sind keine Ärzte und verschreiben daher auch keine Medikamente. Sie beschäftigen sich im Studium jedoch ausgiebig mit dem Erleben und Verhalten von Menschen. Psychologische Psychotherapeuten sind Psychologen, die nach dem Studium noch eine mehrjährige Ausbildung in einem oder mehreren zugelassenen psychotherapeutischen Verfahren absolviert haben. Sie sind staatlich approbiert und können ihre psychotherapeutischen Leistungen über alle Krankenkassen abrechnen. Psychologische Psychotherapeuten sind für alle Erkrankungen zuständig, die durch psychotherapeutische Gespräche und Übungen behandelt werden können, wie etwa Zwänge, depressive Verstimmungen, Sucht oder Komplexe. red