"Lasst die Finger davon!"

WASCHEID. Die Deutschen wollen keine Gen-Produkte auf dem Tisch. Doch die EU hat mit ihrer Gentechnik-Richtlinie genau das Gegenteil möglich gemacht: Den Anbau von genetisch veränderten Pflanzen. Das am Freitag von der Bundesregierung verabschiedete Gentechnik-Gesetz zieht nun Grenzen.

Wer "Bio" einkauft, will auch Bio bekommen, ob im Supermarkt, im Fachgeschäft oder direkt beim Bauern. Glaubwürdigkeit ist in der Branche überlebenswichtig. Besonders für Landwirte, die sich auf "Bio" spezialisiert haben. Den größten Teil ihrer Produktionskette haben sie selbst in der Hand. Was sie anbauen und was sie verfüttern, können sie biologisch produzieren und gentechnik-frei halten. Doch genau da droht ihnen durch die neue EU-Richtlinie zum Anbau gentechnisch veränderten Saatguts Ungemach. Ungemach, das sie freilich mit allen konventionellen Landwirten eint. Der Grund: Die EU-Kommission hat Mitte April die Richtlinie für die "zufällige und technisch unvermeidbare" Verunreinigung von Saatgut beschlossen (der TV berichtete). Die darin enthaltenen Grenzwerte klingen auf den ersten Blick harmlos: Konventionelles Raps-Saatgut etwa darf bis zu 0,3 Prozent verunreinigt sein, Soja bis zu 0,7 Prozent. Unterhalb dieser Grenzwerte muss das Saatgut nicht als gentechnisch verändert gekennzeichnet werden. In der Praxis, so befürchteten Umweltschützer, bedeuteten diese Grenzwerte, dass sich gentechnisch verändertes Saatgut schleichend ausbreiten wird. Denn auch geringe Anteile von genmanipulierten Samen reichen aus, um sich nach und nach mit anderen Pflanzen zu vermischen. Wenn Raps-Saatgut zu 0,3 Prozent gentechnisch verändert ist, rechnet beispielsweise Greenpeace vor, wachsen auf einem normalen Acker von einem Hektar rund 2100 Genpflanzen heran. Das grundsätzliche Okay für den Einsatz von Gen-Pflanzen in der Landwirtschaft konnte auch die rot-grüne Bundesregierung nicht abwenden. Ihr gestern verabschiedetes Gesetz zielt nun darauf, zumindest die zu schützen, die bewusst auf Gentechnik verzichten wollen: Durch Haftungsregelungen und durch öffentliche Melderegister von Gen-Anbauflächen(siehe Hintergrund).Gentechnikfrei aus Zwang und Überzeugung

Das Gesetz und vor allem die darin enthaltenen Haftungsregelungen waren Zankapfel vor allem zwischen dem grünen Teil der Bundesregierung und der CDU/CSU-Opposition. Die unterschiedlichen Berliner Positionen lassen sich auch in der Eifel besichtigten: Öko-Bauer Regino Esch, Ziegenzüchter aus dem Eifelort Wascheid (Kreis Bitburg-Prüm) und kommunalpolitisch bei den Grünen engagiert, begrüßt das Gesetz aus dem Hause Künast: "So, wie es jetzt verabschiedet wurde, ist das in Ordnung", sagt Esch. "Der, der solche Dinge in Umlauf bringt, muss sich verantwortlich zeigen für sein Tun." Genau diese Abschreckungs-Wirkung des Gesetzes wird Bauern, die wie er auf Gentechnik im Futter und auf den Feldern verzichten wollen, Gen-Pflanzen in der Nachbarschaft in den nächsten Jahren tatsächlich wohl ersparen: Wer mit gentechnisch veränderten Pflanzen seinen Nachbarn schädigt, kann haftbar gemacht werden - etwas wenn sich Gen-Pflanzen über Pollen mit "natürlichen" Pflanzen eines Bio-Bauern kreuzen, der deshalb auf seiner Ernte sitzen bleibt. Diese Haftungsfragen sind Hauptkritikpunkte der Opposition. Und auch von Michael Horper, der Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Bitburg-Prüm und in der CDU engagiert ist: "Im Grunde wird uns Bauern erlaubt, das Gen-Saatgut zu benutzen. Aber wenn irgendwo etwas schief geht, sind wir immer die Dummen." Die Folgen der Haftungsregelung sind in der Eifel genau die, die das Ministerium sich wohl gewünscht hat: Wer aus Überzeugung nicht auf Gentechnik verzichtet, wird es tun, um dem Haftungsrisiko aus dem Weg zu gehen. "Lasst die Finger davon!", rät denn auch Michael Horper allen Bauern in Bezug auf das Gen-Saatgut. Das Haftungsrisiko sei hoch, mögliche Risiken der Gentechnik noch ungeklärt, und Vorteile sehe er derzeit auch noch nicht, erklärt Horper weiter. Sätze, die wohl auch die Bio-Bauern sofort unterschreiben würden. So weit wie Regino Esch und andere Bio-Bauern der Verbände Bioland und Demeter will Horper freilich noch nicht gehen: Die hatten in jüngster Zeit Schilder in ihre Äcker geschlagen: "Wir arbeiten ohne Gentechnik." Und eine komplett mit Bauernverband und Bioverbänden zur gentechnik-freien Zone erklärte Region Eifel, wie sie sich viele Bio-Landwirte wünschen, wird es wohl auch vorerst nicht geben. "Das ist Aktionismus", meint Michael Horper. "Sie können ja schließlich niemanden zwingen." Ein Anfang immerhin ist gemacht. Wer unter dem Logo der neuen Regionalmarke "Eifel" produzieren will, muss sich künftig verpflichten, beim Saatgut auf Gentechnik zu verzichten. Wer "Eifel" einkauft, soll auch "Eifel" bekommen.