"Lasst uns weiter bauen, was wir gebaut haben"

"Lasst uns weiter bauen, was wir gebaut haben"

Ein würdiger Gegenstand für seine erste große Rede als Staatsoberhaupt: Bundespräsident Joachim Gauck spricht über Europa und kritisiert dabei die Häme und Kaltherzigkeit in der deutschen Debatte.

Berlin. Geschichtslehrer Werner Zieger erklärt es noch mal: "Er hat noch keine große Rede gehalten. Alle warten darauf. Deshalb ist das heute so wichtig." Die Abiturklasse aus Berlin, die an der Einlasskontrolle zum Schloss Bellevue steht, ist aber wenig aufgeregt. Die Jungs sind im Schlabberlook gekommen, die Mädchen haben sich etwas schicker gemacht.

Sonderstunde Europa


"Wir hatten vorher noch mal eine Sonderstunde Europa. Alles noch mal durch", sagt Adrian Berlt, 19. Seine Gruppe ist ausgesucht worden, weil sie eine Europaschule besuchen, bilingual deutsch und polnisch. Viele Schüler haben polnische Eltern. Sie freuen sich besonders, als Bundespräsident Joachim Gauck in seiner 50-minütigen Rede plötzlich über einen jungen Polen redet, den er in Bayern getroffen hat.
Hier fühle er sich als Pole, habe der Student ihm erzählt. In Polen aber hätten die Kommilitonen ihn den Deutschen genannt. "Oft nehmen wir unsere Identität durch die Unterscheidung gegenüber anderen wahr", sagt Gauck.
Das Protokoll hat Schüler, Politiker, Bischöfe und Verbandsfunktionäre kreuz und quer durcheinander gesetzt. Daniela Schadt, Gaucks Lebensgefährtin, sitzt in der ersten Reihe. Von den Ministern, Fraktions- oder Parteichefs ist keiner da, auch nicht die Kanzlerin. Es ist Bundestags-Sitzungswoche.
Joachim Gauck definiert die europäische Identität positiv: "Wir versammeln uns für etwas: Für Frieden und Freiheit, für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, für Gleichheit, Menschenrechte und Solidarität." Allerdings gebe es nun eine Krise des Vertrauens in das europäische Projekt. Als Gründe nennt der Bundespräsident Fehler bei der Wirtschafts- und Währungsunion. Auch den Verdruss über die Eurokraten in Brüssel und die Regelungswut listet er auf. "Mir scheint, als stünden wir vor einer neuen Schwelle, unsicher, ob wir weitergehen sollen."

Stille im Saal


Es ist still im Großen Saal. Das hat auch mit den sehr förmlichen Umständen im Schloss Bellevue zu tun. Außerdem überträgt das Fernsehen live. Gauck legt umstandslos los, nachdem er leise "Guten Morgen" gesagt hat. Er liest vom Blatt. Kein Versuch, das rund 200 Köpfe zählende Publikum mitzunehmen. Das ist eine Rede für draußen.
Erst nach über 30 Minuten weicht bei den Zuhörern die Steifheit. Es ist, als der Präsident an die Briten appelliert: "Wir möchten euch weiter dabeihaben." Da wagen die ersten einen Beifall. Und den nächsten gibt es, als er sagt: "Ich sehe in Deutschland niemanden, der ein deutsches Diktat anstreben würde."
Wer will, kann in der Rede auch Kritik hören. An jenen deutschen Medien, die mit "Geringschätzung oder gar Verachtung" über Krisenstaaten gesprochen hatten. Und vereinzelt habe es von deutschen Politikern "Kaltherzigkeit und Besserwisserei" gegeben. Namen nennt Gauck freilich nicht. Der Präsident wünscht sich einen europäischen Fernsehkanal, "etwas wie Arte für alle, ein Multikanal mit Internetanbindung". Da soll mehr Verständnis füreinander entstehen. "Na ja, na ja", meint DGB-Chef Michael Sommer hinterher beim Empfang dazu vielsagend und nippt am Orangensaft. Die neue "Erzählung Europas", die SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück von Angela Merkel verlangt hat, liefert Gauck hier nicht. Bewusst nicht. "Wir haben keine gemeinsame europäische Erzählung", sagt er. Aber er versucht doch Emotion zu wecken für Europa, das als "Friedensprojekt" nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde und nach 1989 auch noch zum "Freiheitsprojekt" geworden sei.
Im Kern läuft die Rede des Präsidenten darauf hinaus, "weiter zu bauen, was wir gebaut haben". Eine Korrektur der "Grundfehler" der Wirtschafts- und Währungsunion verlangt er und eine weitere Vereinheitlichung der Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Gauck appelliert an die Bürger: "Seid nicht gleichgültig, seid nicht bequem, erkennt eure Gestaltungskraft."
Es dauert eine ganze Weile, ehe sich nach der Rede die Ersten erheben, um stehend zu applaudieren. Das ebbt bald ab.
Nur die professionellen Europapolitiker sind enthusiastisch. "Ästhetisch hochwertig", sagte Ex-EU-Kommissar Günter Verheugen. "Schöne Bilder für die europäische Identität" habe Gauck gefunden und sein Appell an England sei "ganz, ganz wichtig". Der Europa-Ausschuss-Vorsitzende des Bundestages, Gunther Krichbaum (CDU), hat schon vorher frohlockt, "dass es ganz toll ist, dass er die erste Rede Europa widmet" und ist hinterher regelrecht begeistert: "Exzellent, ausgezeichnet gemacht." DGB-Chef Michael Sommer findet allerdings, dass die soziale Dimension Europas gefehlt habe. Und Adrian, der Schüler von der Europaschule, ist zwar jetzt "nicht unbedingt mehr für Europa begeistert", aber das mit dem neuen Fernsehsender findet er gut. "Doch, das gucken bestimmt welche."

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