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Lötzsch bringt das linke Personalkarussell in Schwung

Lötzsch bringt das linke Personalkarussell in Schwung

Ihr Auftritt dauerte keine fünf Minuten. Eher geschäftsmäßig verlas Gesine Lötzsch (50) gestern Vormittag in der Berliner Zentrale der Linkspartei eine Erklärung: Aufgrund einer "altersbedingten Erkrankung" ihres 80-jährigen Mannes Ronald Lötzsch habe sie den Ko-Vorsitz der Partei "mit sofortiger Wirkung" niedergelegt.

Berlin. Lötzsch sagte, ihr Mann sei am 31. März in die Notaufnahme eines Berliner Krankenhauses gekommen. Kurzfristig habe sie deshalb mehrere Wahlkampftermine in Schleswig-Holstein absagen müssen. Die familiäre Situation lasse keine längeren Aufenthalte außerhalb ihres Wohnortes mehr zu. Nun wolle sie sich ganz auf ihr Mandat als Berliner Bundestagsabgeordnete konzentrieren.
Lötzschs Entscheidung kam für die meisten Genossen überraschend. Lediglich mit der engsten Führung sowie Fraktionschef Gregor Gysi hatte sie zuvor darüber gesprochen. Doch schon die Umstände ihrer Ankündigung deuten an, dass es mit einer vertrauensvollen Zusammenarbeit in der Parteispitze nicht weit her ist. Wie es hieß, habe Lötzsch deshalb am Vorabend eine E-Mail in die Öffentlichkeit gebracht, um einer möglichen "Durchstecherei" zuvorzukommen.
Wahr ist, dass Lötzsch für das schlechte Erscheinungsbild der Linken mitverantwortlich ist. Einer ihrer innerparteilichen Kritiker rechnete gestern vor, dass die Mitgliederzahl in den vergangenen zwei Jahren unter ihrem Vorsitz um rund 10 000 geschrumpft ist. Echtes Bedauern über ihren Rückzug suchte man gestern vergeblich. Der Ko-Vorsitzende Klaus Ernst sagte: "Wir haben in einer schwierigen Zeit vertrauensvoll und mit gegenseitigem Respekt zusammengearbeitet." Aus den Worten von Vizefraktionschef Dietmar Bartsch klang Erleichterung heraus: Die Linke brauche jetzt einen "neuen Aufbruch", sagte er mit Blick auf den Bundesparteitag Anfang Juni in Göttingen. Dort steht die Wahl der neuen Parteispitze an. Bis dahin soll Ernst die Linke führen.
Den Personalspekulationen ist nun Tür und Tor geöffnet. Manche Genossen wünschen sich, dass der Ex-Vorsitzende Oskar Lafontaine aus der Deckung kommt und sich zu einer erneuten Kandidatur bekennt. Doch der Saarländer schwieg gestern. Bislang hatten nur Lötzsch und Bartsch ihren Hut für die beiden Chefposten in den Ring geworfen. Laut Parteisatzung muss das Führungsduo aus einer Frau und einem Mann bestehen. Zu den ungeschriebenen Regularien zählen auch der Flügel- und der Ost-West-Proporz. Vor diesem Hintergrund hätten der Realo Bartsch und die linke Frontfrau Sahra Wagenknecht beste Chancen. Dem Vernehmen nach wollen die Fundis aber Bartsch verhindern, weshalb auch Wagenknecht kaum antreten dürfte. Wahrscheinlicher ist ein Duo aus Lafontaine und einer ostdeutschen Frau. Mit der Parlamentarischen Geschäftsführerin Dagmar Enkelmann, Parteivize Katja Kipping und der ehemaligen Berliner Sozialsenatorin Carola Bluhm kursieren schon Namen.

Meinung

Abgang ohne Glanz
Zweifellos ist es aller Ehren wert, wenn Politiker aus familiären Gründen kürzer treten. Ein Denkmal wird die Linkspartei trotzdem nicht für ihre nunmehr Ex-Vorsitzende Gesine Lötzsch errichten. Im Gegenteil. Das politische Geschäft ist gnadenlos. Und so mögen viele ihren Rückzug vom Ko-Chefsessel als Erleichterung empfunden haben. Unter wahltaktischen Gesichtspunkten kommt ihr Abgang zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Bei den bevorstehenden Voten in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen muss die Linke um ihren Wiedereinzug in die Parlamente bangen. Mit der nun unweigerlich neu aufflammenden Personaldiskussion dürfte sich der allgemeine Eindruck erhärten, dass die Linke der Selbstbeschäftigung den Vorzug gibt, anstatt sich mit realistischen Konzepten um die Sorgen und Nöte vieler Menschen zu kümmern. Nur ein Politiker könnte ihren Bedeutungsschwund aufhalten: Oskar Lafontaine. Genau darin liegt auch die Tragik der Linkspartei: Weil sich revolutionäre Spinner, Marxisten, Altkommunisten und Pragmatiker unversöhnlich gegenüberstehen, ist ein Generationswechsel an der Parteispitze kaum in Sicht. Mit seiner Prominenz mag Lafon taine diesen Makel überdecken. Aber nachhaltig geholfen ist den Linken damit nicht. nachrichten.red@volksfreund.deExtra

Die Trierer Bundestagsabgeordnete der Linkspartei, Katrin Werner, wurde wie offenbar viele Parteimitglieder von der Rücktrittsankündigung Gesine Lötzschs überrascht, zeigte aber für die geäußerten privaten Gründe Verständnis. "Natürlich wird dadurch wieder eine Gesamtdiskussion über die führenden Positionen ausbrechen", sagte Werner dem TV. Auf einen Favoriten für die Parteiführung oder die Spitzenkandidatur im Bundestagswahlkampf festlegen wollte sich Werner noch nicht. "Ich wünsche mir aber definitiv Oskar Lafontaine auf Bundesebene zurück." Die Partei solle bis zum Bundesparteitag nun eine breite Diskussion über die Personalien führen, forderte die Trie rer Abgeordnete. mic