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Manga Malu jagt Chrissly, den Böhr

Manga Malu jagt Chrissly, den Böhr

TRIER. Sie verteilen Kugelschreiber auf Marktplätzen, halten donnernde Reden in Sporthallen und lobpreisen ihre Vorzüge: In Rheinland-Pfalz tobt der Wahlkampf, und allerorten werben die Frontleute der Parteien um Stimmen. Einen besonderen Gag hat sich die SPD-Ministerin Malu Dreyer (Trier) ausgedacht: Sie geht im Internet als Comic-Figur auf die "Böhr-Jagd".

Wahlkämpfe an sich gehören ja eigentlich zu den letzten Bastionen unverrückbarer Verlässlichkeit: Vier bis sechs Wochen vor dem Wahltermin rücken die Kandidaten aus und uns, dem Bürger, auf den Pelz. Die Herren im gediegenen AbteilungsleiterLook, die Damen im gedeckten Gymnasialrats-Kostümchen: So kämpfen unsere politischen Eliten Kugelschreiber verteilend und Flugblatt auslegend um die Stimmen ihrer Wähler. Und wundern sich dann, dass die für alle immer weniger werden. Gerade Erst- und Jungwähler haben ein nachgerade erschreckendes Verhältnis zu ihrem demokratischen Wahlrecht. Bei der Bundestagswahl 2005 lag die Beteiligung der Erstwähler mit 68 Prozent rund zehn Punkte unter dem Gesamtbundesschnitt. Und das ist längst nicht der Tiefpunkt der Entwicklung. Jugendforscher Klaus Hurrelmann glaubt, dass die Wahlbeteiligung von Jugendlichen noch lange niedrig bleibt: "Wir müssen aufpassen, dass sie nicht noch weiter absackt." Parteien haben einen schlechten Ruf. Sie würden als "in sich abgekapselt" betrachtet, sagt Hurrelmann. "Man muss die Politik-Themen aus der Verkrampfung herausnehmen." Der Kern sollte zwar weiter ernst bleiben, aber man müsse die Themen alltagsgerechter präsentieren. Wie das in Zukunft aussehen könnte, das zeigt derzeit die rheinland-pfälzische Arbeits-, Sozial- und Gesundheitsministerin Malu Dreyer in ihrem Wahlkreis Trier-Stadt. Ihr prominenter Mitbewerber um die Erststimmen der Bürger: Christoph Böhr, seines Zeichens der Spitzenkandidat der CDU um das Amt des Ministerpräsidenten. Als "Manga Malu" jagt ab Aschermittwoch eine Zeichentrick-Ministerin im Stile eines japanischen Comics auf ihrer Internet-Homepage den ein wenig bedröppelt dreinschauenden "Chrissly Böhr", auch der eine Karikatur des CDU-Politikers, beide aus der Feder des prominenten Spottzeichners Bernhard Prinz. "Wir wollen junge Menschen dazu bewegen, uns als ihre Interessenvertreter endlich wieder wahrzunehmen", begründet Malu Dreyer ihre ungewöhnlichen Aktionen. "Heutzutage brauchen gute Produkte eben auch eine ansprechende Verpackung. Das gilt natürlich auch für Politik!" Während die Trierer Stadt-CDU dabei wohl ein wenig so aus der Wäsche guckt wie ihr Landesvorsitzender "Chrissly, der Böhr", schlägt Malu Dreyer weiter auf die junge Werbetrommel. So gibt es etwa im Internet Eintrittskarten für Sport- und Konzertveranstaltungen zu gewinnen. Aufgabe: Man sendet sein Bild via Handy an die Homepage der Ministerin. "Das ist doch mal was anderes als immer nur Notizblöcke und Feuerzeuge", freut es den Referenten der Kandidatin, SvenTeuber. Man ahnt es fast: gerade mal 23 Jahre alt. Ausgelost wird der glückliche Gewinner dann auf der @is-meine-Wahlparty zu den Klängen angesagter House-DJs. Ob das nicht ein bisschen viel Hipness ist für das angestaubte Image unserer Politiker? Denkt wohl auch Malu Dreyer und führt parallel zur virtuellen Manga-MMS-Wahlschlacht gleich ihrer Konkurrenz den klassischen Veranstaltungs- und Fußgängerzonen-Wahlkampf mit den typischen Informationsblättern und kleinen Mitbringseln. Auch wenn es schwer vorzustellen ist, in der SPD ist man fest davon überzeugt, dass irgendwann traditioneller Stimmenfischfang ohne solche Aktionen nicht mehr auskommen wird. "Die Zukunft des Wahlkampfs", so der JuSo Teuber, "hat ein Gesicht - sie sieht ein bißchen aus wie Harald Schmidt!"