Massive Verluste an der New Yorker Wall Street schocken Amerikas Bürger

Massive Verluste an der New Yorker Wall Street schocken Amerikas Bürger

Die Lage am US-Aktienmarkt hat sich zum Wochenende hin dramatisch verschärft: Der Dow Jones Industrial stürzte um mehr als 500 Punkte ab und fiel erstmals seit Dezember 2010 wieder unter die Marke von 11 400 Punkten.

Washington/New York. Der Sekt, mit dem US-Präsident Barack Obama am Donnerstagnachmittag im Weißen Haus auf seinen 50. Geburtstag anstoßen ließ, dürfte manchen Gästen schal geschmeckt haben - vor allem Finanzminister Timothy Geithner. Denn wer bei dem Empfang auf das Blackberry und die Börsenkurse schielte, sah das, was erfahrene Börsianer wie John Richards vom US-Ableger der Royal Bank of Scotland bei Handelsschluss als "absolutes Blutbad" bezeichneten: den stärksten Eintages-Sturz des Dow-Jones-Index\' seit dem Beginn der Finanzkrise im Jahr 2008, den Fall um mehr als 500 Punkte.
Ein "perfekter Sturm" von Wirtschafts-Hiobsbotschaften - die Nachwehen der Schuldenkrise, die Meldungen aus dem EU-Raum und die Sorge um den Zustand der einheimischen Konjunktur - habe innerhalb weniger Stunden ein Kapital von zwei Billionen US-Dollar vernichtet, resümierte gestern die New York Post. Selbst der Preis für Gold, in Krisenzeiten von Investoren als sicherer Hafen angesehen, beendete seinen Höhenflug.
"Wenn soviel Blut fließt," zitierte die Zeitung Chef-Händler Matt Zeman vom Börsenhaus Kingsview Financial, "ist noch nicht einmal Gold sicher".
Das große Schweigen


Verstärkt wurden der Absturz und die Unsicherheit durch das Schweigen der wichtigsten Figuren der US-Finanzwelt. Sowohl Notenbankchef Ben Bernanke als auch Finanzminister Geithner, dem US-Medien zuletzt Amtsmüdigkeit angesichts der massiven neuen Herausforderungen nachsagen, blieben am Donnerstag ungewöhnlich stumm. Und auch Präsident Barack Obama meldete sich nicht zu Wort.
Das dürfte daran liegen, dass es für das Weiße Haus angesichts der Mehrheitsverhältnisse im US-Kongress derzeit wenig Optionen gibt, sollte sich die Furcht vor einer zweiten Rezession in kürzester Zeit bewahrheiten. Das jetzt vom US-Kongress nach monatelangem Tauziehen verabschiedete Spar-Paket zur Kompensation der Neuschulden lässt keinerlei Spielraum mehr für teuere Ankurbelungsinitiativen auf breiter Front. Gleichzeitig hat sich sich die Lage am Arbeitsmarkt verschlechtert: Allein US-Behörden und Regierungsstellen haben in den letzten 14 Monaten knapp eine Million Jobs abgebaut. Die Steuereinnahmen brechen weg, und gespart werden muss überall: Im Bundesstaat Rhode Island erklärte in dieser Woche mit Central Falls eine ganze Stadt den Bankrott, im einstigen "Goldstaat" Kalifornien balancieren Dutzende von Kommunen am finanziellen Abgrund.
Und in der Privatwirtschaft sieht es nicht besser aus. Obwohl es nach den gestern aktuell vorgelegten Zahlen im Juli rund 117 000 Neueinstellungen gab, liegt die Arbeitslosenquote weiter über neun Prozent, viele Firmen nehmen derzeit ihre Gewinnschätzungen zurück. Am Immobilienmarkt - stets ein guter Gradmesser für die Konjunkturaussichten - fallen die Verkaufszahlen dramatisch zurück, Makler sprechen - wie zu Zeiten der Finanzkrise - von einem sich abzeichnenden "Käuferstreik".
US-Präsident Barack Obama plant nun eine der wenigen Maßnahmen, die ihm noch bleiben: eine Bustour durch den Mittleren Westen der Vereinigten Staaten, wo er sich bei Unternehmern mit persönlichen Appellen für Neueinstellungen stark machen will.