Mediziner wandern aus

TRIER/BERLIN. Ärztemangel, zu viel Bürokratie, schlechte Arbeitsbedingungen – Themen des 108. Deutschen Ärztetages in Berlin. Darüber sprachen wir mit dem Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz, Carl-Heinz Müller, 49, aus Trier.

Herr Müller, macht Ihnen Ihr Job als Arzt immer noch Spaß? Müller: Der Arztberuf macht Spaß. Was keinen Spaß macht, sind die Arbeitsbedingungen, die werden immer schlimmer. Immer mehr Ärzte gehen nach England, machen dort Notdienst, nicht, weil sie mehr verdienen, sondern weil die Arbeitsbedingungen stimmen und der Arztberuf dort anerkannt ist. Geht es den Ärzten wirklich so schlecht?Müller: Seit Jahren wird immer mehr von den Krankenhäusern auf die niedergelassenen Ärzte verlagert, die Zahl der Kranken, Pflegebedürftigen und Alten steigt. In jedem Quartal sinken die Einnahmen der Ärzte, weil immer mehr Aufgaben auf sie zukommen. Das macht das Einkommen der niedergelassenen Mediziner unkalkulierbar, während die Ausgaben und Kosten steigen. Was hat sich seit der Gesundheitsreform für niedergelassene Ärzte verändert? Müller: Wir müssen uns mit viel mehr Bürokratie herumschlagen. Beispiel: Praxisgebühr, ein enormer Aufwand. Die Mehrarbeit ist deutlich gestiegen. Ärzte müssen heute nicht nur Mediziner sein, sondern sie müssen auch betriebs- und volkswirtschaftlich arbeiten. Sie müssen alle Packungsgrößen und die sich ständig ändernden Preise von Medikamenten kennen. Gegenüber den Krankenhäusern sind niedergelassene Ärzte zudem überhaupt nicht wettbewerbsfähig. Eine Klinik bekommt Geld vom Land und den Krankenkassen, eine Arztpraxis erhält keine Zuschüsse, muss nur von den Einnahmen leben. Im Vergleich zu Klinikärzten sind die Arbeitsbedingungen eines niedergelassenen Arztes aber doch noch viel besser, oder?Müller: Nein. Auf dem Land ist das absolut nicht so. Da ist die Situation ähnlich wie für einen Klinikarzt. Ein Arzt in der Eifel beginnt seinen Notdienst am Samstagmorgen und geht am Montagabend nach Hause. Oft müssen sich vier Ärzte innerhalb von 30,40 Kilometern die monatlichen Notdienste teilen. Das ist eine unglaubliche Belastung. Die Hälfte der Ärzte ist daher körperlich ausgebrannt, leidet am Burn-Out-Syndrom. Ist die medizinische Versorgung mittelfristig gefährdet? Müller: Die Gefahr ist da. Es wandern immer mehr Ärzte ab, viele gehen früher in Ruhestand. Wer ausgebrannt ist, wird schneller den Arztkittel an den Nagel hängen. Es gibt also zu wenig Ärzte? Müller: Definitiv. Wer heute in der Eifel oder im Hunsrück eine Praxis übernimmt, weiß, dass sie morgen unverkäuflich ist, weil keiner da ist, der sie einem abnimmt. Doch die Situation ist nicht nur auf dem Land so. Auch in Trier machen reihenweise Praxen dicht. Können Sie unter den Umständen überhaupt noch jemandem empfehlen, Arzt zu werden? Müller: Ja, der Beruf macht Spaß. Es muss nur Mal Schluss damit sein, den Beruf schlecht zu reden. Ständig wird die Qualität der Ärzte in Frage gestellt, es ist von Betrügern in Weiß die Rede. Mit einem solchen Ansehen wird doch kaum einer freiwillig Arzt. Mit Carl-Heinz Müller sprach unser Redakteur Bernd Wientjes.