Meinung von Memorandums-Gegner Prof. Dr. Andreas Wollbold

Meinung von Memorandums-Gegner Prof. Dr. Andreas Wollbold

Nein zu diesem Therapiekonzept - meint Memorandums-Gegner Prof. Dr. Andreas Wollbold. Seine Meinung hat er aufgeschrieben.


Man stelle sich vor: In einer Reha-Klinik für Herzinfarkt-Patienten trägt das Ärzteteam seine Prinzipien vor. Doch das Gesundheitskonzept besteht aus dem Gegenteil von all dem, was man sich unter einer Reha-Maßnahme vorstellt. „Sport ist Mord“, wird den erstaunten Anwesenden verkündet. Warum sollten sie spazieren gehen, wenn es doch 24 Stunden Fernsehen gibt? Der Speiseplan verzeichnet Eisbein unter den kleinen Appetitanregern. In der Hausbar gibt es Hochprozentiges mit Mengenrabatt, für Fruchtsäfte dagegen braucht es eine Sondererlaubnis. Im ersten Moment herrscht vielleicht eine Bombenstimmung. Kein Verzicht, keine Diät, kein Schwitzen und Trainieren, ist das nicht das Paradies? Aber die Gesundheit ist jedem zu wertvoll, als dass man nicht Verdacht schöpfen würde. „Das sollen Ärzte sein? Denen soll man die Gesundheit anvertrauen?“ Noch am gleichen Abend wäre die Klinik sicher leer. Die Unterzeichner des Memorandums „Kirche 2011. Ein notwendiger Aufbruch“ müssen zu solchen Schalks-Ärzten gezählt werden. Die katholische Kirche hat 2010 einen geistlichen Infarkt erlitten. Welches Therapiekonzept bieten sie an? Die Theologieprofessoren verkünden grenzenlose Freiheit. Die Zügel sollen fallen. Alles ist erlaubt. Endlich wird die Kirche so umgemodelt, dass sie keine Ecken und Kanten mehr hat. Sie verlangt nichts mehr, sie hat aber auch nichts zu geben außer ein bisschen religiöse Lebensverschönerung und Gutmenschentum. Aber man soll die Leute nicht für dumm verkaufen. Eine Therapie, die nichts verlangt, ist auch nichts wert. Der versprochene Aufbruch stellt in Wirklichkeit den Abbruch der katholischen Kirche dar. So als wollten die Unterzeichner wie ratlose Ärzte sagen: „Die Kirche ist sowieso dem Untergang geweiht. Warum soll sie es sich dann nicht noch ein paar Jahre lang gut gehen lassen?“ Da ist zunächst der konstruierte Zusammenhang zwischen den Missbrauchsfällen und den eigenen Vorschlägen. Sie haben nichts miteinander zu tun. Man nützt nur die Verunsicherung aus, um die eigenen Punkte anzupreisen. Diese sind schon Jahrzehnte alt und haben mit der augenblicklichen Lage überhaupt nichts zu tun. Das ist wie Werbung für Haarwuchsmittel bei Infarktpatienten – allzu durchsichtig! Kaum zu glauben, wie leichtfertig das Memorandum sogar die kirchliche Lehre leugnet. Angleichung homosexueller Verbindungen an die Ehe und ihre vorbehaltlose Gutheißung, kirchliches Amt der Frau, „Sünder“ nur noch in Anführungszeichen, Gewissensfreiheit als Recht darauf, selbst Gut und Böse bestimmen zu können, darin sind katholische Grundüberzeugungen getroffen. Ein solches Verständnis von Freiheit hat übrigens mit der Religionsfreiheit des II. Vatikanischen Konzils nichts mehr zu tun, denn es hat die Bindung an die Wahrheit aufgegeben. Die Ordnung der Kirche wird als rechtloser Raum verunglimpft, die Zehn Gebote gelten als rigorose Moral. Wohlgemerkt, diese katholischen Überzeugungen sind in Deutschland nicht unumstritten. Aber welche Bedeutung hätte eine katholische Kirche noch, die an ihre eigenen Lehren nicht mehr glaubt? Doch auch mit dem praktischen Sinn der Unterzeichner ist es nicht weit her. Meinen sie wirklich, in Deutschland gäbe es zu wenig kirchliche Sitzungen und Räte? Ein Bischof sagte mir neulich, 2010 hätte er 60 Ganztage und 80 Halbtage Sitzungen gehabt. Papiere und Termine sind nicht das, was die Gläubigen von ihren Hirten erwarten, sondern Zeit, Herz und eine klare Sprache. Oder die Forderung, der Gottesdienst müsse konkrete Lebenssituationen aufgreifen. Ja, wann waren die Gelehrten denn zum letzten Mal bei einer Taufe, einer Erstkommunion, einer Trauung oder einer Beerdigung? Und haben sie noch nichts vom Schlüsselwort Spiritualität gehört? Im Gottesdienst sollen Himmel und Erde sich berühren und nicht nur das weltliche Treiben fortgesetzt werden. Wie viel Schreibtischluft atmet die Forderung nach der allgemeinen Bischofs- und Pfarrerwahl? Hat das Bistum Trier es nicht jüngst gezeigt, wie volksnah und überzeugend eine heutige Bischofsernennung sein kann? Jede Reha beginnt mit einer einfachen Botschaft: „Ändert euer Leben, und euer Leben fängt erst heute richtig an!“ Das ist auch die richtige Botschaft für die katholische Kirche. Das Memorandum sollte man dagegen möglichst rasch in den Schubladen verschwinden lassen, aus denen es gekommen ist.

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