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"Menschen wie Vieh aus den Waggons geprügelt"

"Menschen wie Vieh aus den Waggons geprügelt"

Heute vor 65 Jahren haben Soldaten der Roten Armee rund 7000 Überlebende des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau befreit. Martin Schmitz aus Bernkastel-Kues hat das Grauen von Auschwitz überlebt. Er erinnert sich für den TV.

Bernkastel-Kues. Der Todesfabrik Auschwitz ist Martin Schmitz, Sohn jüdischer Eltern aus Traben-Trarbach, lebend entkommen. Doch seine Befreiung erlebt er erst knapp drei Monate später - im April 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Dort liegt der gebürtige Traben-Trarbacher am 15. April 1945 bis aufs Skelett abgemagert und völlig entkräftet vor seiner Baracke - inmitten von Blut, Kot und Leichen.

Abgemagert zwischen Blut, Kot und Leichen



Er wiegt kaum 30 Kilogramm, ringt mit dem Tod. Sein Glaube ans Überleben ist aufgebraucht. "Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich längst abgeschrieben", erzählt Martin Schmitz. Dann tauchen englische Soldaten auf, befehlen den SS-Männern, die noch atmenden Gefangenen zu waschen. Ein Offizier der Engländer spricht Schmitz an, er solle sich keine Sorgen machen. Der Tag der Befreiung ist da. Von der Auflösung der Todesfabriken in Auschwitz erfährt Schmitz erst viel später.

September 1941. Familie Schmitz wird wie Tausende deutsche Juden gen Osten deportiert. Als sie im Konzentrationslager Auschwitz ankommt, wird der 19-Jährige mit Stockschlägen von seinem Vater Bernhard und Mutter Selma getrennt. Wie Vieh werden sie aus den Waggons geprügelt. Auf der Rampe steht Lagerarzt Josef Mengele. Er selektiert mit einer einfachen Handbewegung. Daumen nach links - das Todesurteil für seine Eltern. Daumen nach rechts - arbeiten, Hoffnung auf Leben. Es ist das letzte Mal, dass er seine Eltern sieht. Verabschieden kann er sich von ihnen nicht. Erst später muss er von einem Mithäftling erfahren, dass Mutter und Vater in der Gaskammer umgekommen sind. Auch seine Tante Leni und sein Onkel Max sterben in den Vernichtungsfabriken der Nazis. Im Lager hat Martin Schmitz Grauenvolles erlebt - er selbst vermag es kaum in Worte zu fassen. Er berichtet von Schlägen, Demütigungen und furchtbaren Entbehrungen.

Als gelernter Schlosser wird er im Lager gebraucht, schafft es so zu überleben. Im Januar 1945 lösen die Nazis die Nebenlager von Auschwitz auf. Martin Schmitz wird mit anderen Häftlingen auf eine wochenlange Irrfahrt geschickt, eingepfercht in überfüllten Waggons. Essen gibt es nur selten. In den Wagen sterben die Menschen an Krankheit und Erschöpfung. Ankunft im KZ Bergen-Belsen. Was er dort sieht, ist noch schlimmer als in Auschwitz. "Im Lager liefen überall Tote herum, nur noch Gerippe." Regelmäßiges Essen wie in Auschwitz gibt es in Bergen-Belsen nicht. Wer von den Häftlingen - kurz vor dem Verhungern - noch Kraft hat, meldet sich zum Arbeiten. Sie bekommen ein wenig Brot und Suppe. Die Toten müssen in Massengräber geschafft und verscharrt werden. Nach drei Tagen ist Martin Schmitz völlig am Ende seiner Kräfte angelangt. Er hat sich aufgegeben, wartet auf den Tod. Dann befreien englische Truppen das Lager. "Wir bekamen von ihnen süße Dosenmilch. Da wollten sie uns zu gut. Das machte alles noch schlimmer", sagt Schmitz. Erst als er im Lazarett langsam wieder zu Kräften kommt, glaubt er wieder fest daran, dass er es schafft.

Die schrecklichen Erinnerungen an den Krieg sind sein Leben lang geblieben. Auch die Häftlingsnummer, die ihm in Auschwitz in den linken Unterarm tätowiert worden war - 141517. Den Judenstern hatte er nach seiner Befreiung von seinen Kleiderfetzen abreißen können. Die Häftlings-Nummer blieb, eingestochen ins Fleisch.

"Es hat lange gedauert, aber ich hege heute keinen Hass mehr. Vergessen kann ich das alles nicht, und manches kommt auch noch immer wieder hoch", sagt Martin Schmitz. Seit zehn Jahren erzählt der 88-Jährige seine Lebensgeschichte während der Judenverfolgung auch Schülern in Idar-Oberstein und Birkenfeld sowie Offiziersanwärtern der Bundeswehr. Extra Auschwitz-Birkenau gilt als zentraler Ort des industriellen Völkermords durch die Nazis, nachdem im September 1941 die "Endlösung der Judenfrage" beschlossen worden war. Auschwitz steht heute als Symbol für den Holocaust. Unter der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft wurde in den Lagern zwischen den polnischen Städten Krakau und Kattowitz während des Zweiten Weltkriegs mehr als eine Million Menschen systematisch ermordet. Die meisten Opfer waren europäische Juden, rund 70 000 Polen, 21 000 Sinti und Roma, 150 000 russische Kriegsgefangene sowie Menschen anderer Nationen. (zad)